• Jolanda Rose

Neue Anforderungen an die Juristen(ausbildung)

Aktualisiert: Aug 22


Schon im Rahmen der Berlin Legal Tech 2020 - Hackathon und Konferenz - Ende Februar habe ich einen Workshop zum Thema "Neue Anforderungen an die (Juristen)ausbildung" gehalten. In den Monaten seitdem hat sich gezeigt, dass die von mir angesprochenen Future Skills für Juristen nicht nur Theorie, sondern schon jetzt unabdingbar sind, um als Jurist erfolgreich zu sein. Aus dieser Realität ergeben sich auch neue Anforderungen an die Juristenaus- und weiterbildung.


Neue Anforderungen an Juristen

Gerade in den letzten Monaten hat sich in seiner Härte gezeigt, was viele Legal-Tech-Experten lange prophezeit haben. Juristen, die keine Online-Präsenz und Digitalkompetenz aufweisen, werden über kurz oder lang vom Markt verschwinden. Benutzerfreundliche, online vermarktete Angebote sind hingegen zukunfts- und krisensicher. Der moderne Jurist braucht nicht nur in Zeiten der Krise, sondern auch in Zukunft andere persönliche, interdisziplinäre und fachliche Kompetenzen als bisher.


Persönliche Kompetenzen

Der klassische Jurist gilt als kühl, reserviert und unnahbar. In der Gesellschaft wurde lange das Bild des präzisen, korrekten, aber wenig menschlichen Gesetzeshüters geprägt. Diese Ausstrahlung und Persönlichkeit, die bisher als typische juristisch und professionell galt, hilft heute wenig weiter. Auch wenn der Wandel in vielen Kanzleien und Rechtsabteilungen nur langsam voran geht, fordert die Mandantenseite schon jetzt eine andere Arbeitsweise ein.

Um auf die lösungsorientierten, statt an Abteilungen gebundenen Wünsche der Mandanten eingehen zu können, ist Teamfähigkeit essentiell. Auch Juristen, die Experten eines bestimmten Rechtsgebiets sind, müssen sich mit Kollegen aus ihrem oder angrenzenden Fachgebieten austauschen, um umfassende Angebote für Mandanten anbieten zu können. Um auf wechselnde, digitalere Arbeitsformen reagieren zu können, wird Agilität zu einer zentralen Kompetenz. In diesem Zusammenhang sind auch Innovationsgeist und Kreativität gefragt. Nur, wer diese Fähigkeiten verinnerlicht hat, wird auf die wechselnden Marktbedingungen eingehen können und Vorreiter der modernen Juristerei sein.

Neben der Zusammenarbeit mit anderen Juristen, wird die juristische Arbeit außerdem laufend interdisziplinärer. Dabei ist besonderes Kommunikationstalent und Einfühlungsvermögen gefragt. Dieses kann natürlich auch bei der direkten Arbeit mit Mandanten, sowie bei nutzerzentriertem Design innovativer Rechtsdienstleistung hilfreich sein.


Interdisziplinäre Kompetenzen


Die gerade angesprochenen interdisziplinären Kompetenzen sind jedoch nicht nur persönlich, sondern auch inhaltlich entscheidend. Um eine agilere Arbeitsweise umzusetzen und Arbeitsabläufe zu optimieren, braucht es ein ausgeprägtes Prozessverständnis. Um juristische Unterstützungssoftware bedienen zu können, ist mindestens ein technisches Grundverständnis nötig. Zu wissen und zu verstehen, was Digitalisierung und ihre Folgen wirklich bedeuten, ist darüber hinaus bedeutend. Um die nutzerzentrieten Rechtslösungen der Zukunft zu gestalten, wird Legal Design zu einer Zentralkompetenz von Juristen. Da klassische Arbeits- und Unternehmensstrukturen aufgebrochen werden, ist wirtschaftliches Know-How, insbesondere im Bereich Business Development und Marketing gefragt. Um der juristischen Verantwortung in diesem modernen, digitalen Umfeld Rechnung zu tragen, sollte schließlich ein ethisches und soziologisches Grundverständnis vorhanden sein.

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Fachliche Kompetenzen


Neben diesen Zusatzkompetenzen werden von Juristen jedoch auch andere fachliche Kompetenzen verlangt. Zwar ist ein Verständnis der juristischen Logik noch immer entscheidend. Es wird jedoch mehr darauf ankommen, diese komplexe Logik juristischen Wissens in einfache, maschinenlesbare Entscheidungsbäume "übersetzen" zu können. Mit der möglichst komplizierten, langatmigen Beschreibung juristischer Argumentation wird in Zukunft nichts mehr zu gewinnen sein. Nur wer präzise und komprimierte Arbeitsergebnisse liefert, kann digitale Angebote gewinnbringend für sich nutzen. Außerdem wird es vermehrt darauf ankommen, bei der fachlichen Arbeit die wirtschaftliche Vermarktung mitzudenken. Wer in der Lage ist innovative Businessmodelle für juristische Dienstleistungen zu entwickeln, kann juristische Arbeit als wirtschaftliche Triebkraft einsetzen. Vielfach wird davon ausgegangen, dass Juristen in Zukunft in zwei Kategorien einzuteilen wären - Spezialisten oder IT-affine Generalisten. Diese Einteilung ist meiner Ansicht nach nicht sinnvoll, da alle Juristen über IT-Affinität verfügen sollten. Vielmehr wird sich für jeden Einzelnen die Frage stellen, in welches der neuen juristischen Berufsbilder man sich einfügen möchte. Dabei wird die Abgrenzung an dem Grad der IT-Kompetenz, aber nicht der juristischen Ausrichtung gemessen.



Neue Anforderungen an die Juristenaus- und weiterbildung

Dem aufmerksamen Leser wird sicherlich aufgefallen sein, wie sehr die geforderten Kompetenzen an moderne Juristen von denen abweichen, die aktuell in der Juristenaus- und weiterbildung gelehrt werden. Nicht nur bei der krisenbedingt erzwungenen Umstellung auf digitale Lehre an juristischen Fakultäten zeigt sich das vielfach vorhandene Defizit an Digitalisierung.

Die Juristenausbildung fördert zwar das noch immer entscheidende Erlernen juristischer Logik. Daneben werden Juristen aber noch immer vor allem in der Wiedergabe erlernten Einzelwissens in Form von Gutachten trainiert, die schon jetzt teilwese und zukünftig komplett digital erstellt werden. Das Studium und Referendariat belohnt ansonsten vor allem Einzelkämpfer, die sich eine bessere Wissengrundlage als ihre Kommolitonen angeeignet haben. Auf Teamgeist kommt es nicht an und Innovationsgeist und Kreativität sind für den Erfolg in der Ausbildung eher ein Hindernis, als förderlich.

Natürlich gibt es an vielen Universitäten und auch in der Referendariatsausbildung der Länder Bestrebungen dies durch Zusatzangebote im Legal-Tech-Bereich, Law Clinics und Hackathons zu ändern. Aber bereitet dieses kleine zusätzliche Lehrangebot angemessen auf die juristische Berufswelt der Gegenwart und Zukunft vor?


Was soll gelehrt und gelernt werden?

Diese Fragen werde ich mit verschiedenen Experten aus Anwaltschaft und Juristenausbildung auf dem virtuellen Panel des Weblaw Forum Legal Tech gemeinsam diskutieren. Am nächsten Donnerstag, den 28. Mai 2020, findet die eigentlich in der Schweiz vor Ort geplante Konferenz als Zoom-Meeting statt. Anmeldungen können noch immer auf der Veranstaltungswebseite eingehen.


Zur Einstimmung auf die Diskussion verweise ich gerne auf meine bereits veröffentlichten "10 Thesen zur Digitalisierung der Juristenausbildung".

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