• Jolanda Rose

Die Bedeutung von Ethik beginnt dort, wo Gesetze an ihre Grenzen kommen

Aktualisiert: Apr 11

Warum Jurist:innen Grundlagenfächer beherrschen müssen, um die Rechtsprobleme von morgen lösen zu können

Geht es um die Jurist:innenausbildung der Zukunft, werden oft Rufe nach der Kürzung Unterrichtsstoffes laut. Sicherlich ist es wichtig, die Ausbildungsinhalte und insbesondere die Tiefe und Menge des Stoffs, auch den der Grundlagenfächer zu überdenken. Je nach Bundesland werden zu Beginn des Jurastudiums Grundlagen in Rechtsgeschichte, -soziologie, -philosophie, -theorie und -psychologie gelehrt.

Vielen Befürworter:innen von Legal Tech und Digitalisierung in der Lehre scheinen die Grundlagenfächer ein Dorn im Auge zu sein. Anstatt das reine Auswendiglernen von dogmatischen Problemen zu diskutieren, sehen viele die Lösung im Ersetzen der Grundlagenfächer durch Technologie- oder BWL-Fächer. Die Rechnung klingt einfach - altes Wissen raus, neues Wissen rein. So einfach kann man es sich jedoch nicht machen.


#1 Grundlagen des Rechts befähigen zum Weiterdenken.

Nicht zufällig werden angrenzende Geisteswissenschaften, die sich mit dem Recht befassen, als Grundlagen des Rechts bezeichnet.

Durch das Wissen der Rechtsgeschichte lernen Studierende wie Rechtsprobleme be- und verhandelt wurden, bevor es eine kodifizierte Rechtsordnung gab. Das kann veranschaulichen, wie auch heute verhandelt werden kann, wenn Gesetze der Lebenswirklichkeit (noch) nicht entsprechen.

Die ethischen, philosophischen und damit rechtstheoretischen Grundlagen befähigen angehende Jurist:innen nicht nur die Gesetze weiterzudenken, sondern vor allem aktuelle Gesetzgebung zu hinterfragen. Das Bewusstsein, dafür, dass Recht nicht einfach da ist, sondern entwickelt wurde, um einen gesellschaftlichen Zweck zu erfüllen ist enorm wichtig.

Natürlich muss nicht jede*r die komplette historische Entwicklung des Rechts im Detail kennen. Wichtig ist es hingegen, die Prinzipien und Grundgedanken zu verstehen, auf Basis derer unsere Rechtsordnung geschaffen wurde. Nur wer diese Grundlagen hat, kann Recht weiterdenken.


#2 Recht ist kein Selbstzweck.

Es regelt den Umgang von Menschen in einer Gesellschaft nach einem Konsens von Normen dieser Menschen. Es ist von Menschen für Menschen gemacht. Genau deshalb ist es so wichtig, sich immer wieder der Prinzipien bewusst zu werden, die unsere Rechtsordnung maßgeblich geprägt haben. Um diese zu verstehen, brauchen alle Jurist:innen Grundlagenwissen über die historische Umstände, soziologische Bedeutung von Recht. Um die Prinzipien an sich zu ergründen sind außerdem Ethik und Philosophie unabdingbar. Gerade in einer modernen Ausbildung muss Recht als Disziplin im Rahmen anderer Wissenschaften und seiner praktischen Bedeutung in den Fokus gerückt werden. Jurist:innen haben je nach Beruf die Aufgabe Recht anzuwenden, auszulegen und zu gestalten. Für alle diese Tätigkeiten braucht es ein Verständnis für das große Ganze. Welche Folgen hat meine Entscheidung für die Gesellschaft? Welchen Nutzen hat das Rechtssystem für unsere Demokratie? Wie wirken sich Ungerechtigkeiten und rechtliche Dysbalancen gesamtgesellschaftlich aus? Sich in der Ausbildung nur auf das Lernen bestimmter Gesetzesinhalte und deren Behandlung zu beschränken, wird dem Recht in seiner Bedeutung nicht gerecht.


#3 Die Gesellschaft wandelt sich schneller als die Gesetze.

Unsere Lebensrealität wandelt sich stetig und Technologie in immer größerer Bereiche unseres Alltags Einzug. Die rechtlichen Probleme und die gesellschaftliche Wertediskussionen bleiben dennoch erstaunlich aktuell. So müssen Gesetze auf komplett neue Lebenssachverhalte angewandt werden. So sehr der historische Gesetzgeber auch versucht hat, die Gesetze so allgemein und offen zur konkreten Auslegung wie möglich zu gestalten, konnte er doch nicht alle gesellschaftlichen Entwicklungen mit einbeziehen. Nicht nur beim regelmäßig bemühten Beispiel des autonomen Fahrens stellen sich alte Rechtsfragen in neuem Kontext. Auch in ganz alltäglichen Bereichen des Lebens verändert der Einsatz von Technologie Machtverhältnisse und wirft neue rechtliche Fragen auf.

So müssen nicht nur im IT- oder Technikrecht, sondern in allen traditionellen Gebieten des Rechts, Grundfragen gestellt und neu verhandelt werden.


#4 Jurist:innen tragen Verantwortung für die Welt von Morgen.

Jurist:innen gestalten Gesellschaft aktiv mit. Nur, wer die technologischen Grundlagen beherrscht, kann verstehen, was es heißt wenn das Leben und juristische Arbeiten digitaler werden. Aber nur wer ethische Grundlagen und die Prinzipien hinter den aktuellen Gesetzen begreift, kann Recht weiterdenken. Um der Aufgabe als Gestalter einer Gesellschaft gerecht zu werden und die Verantwortung tragen zu können, müssen Jurist:innen schon jetzt Sachverhalte lösen, die nicht mehr mit den aktuellen Gesetzen zu lösen sind. Nur wer jetzt auf sein Grundlagenwissen zurückgreifen kann, kann diese im Sinne der Grundfesten unserer Gesellschaft auslegen. Denn die Bedeutung von Ethik beginnt dort, wo Gesetze an ihre Grenzen kommen.

Damit sichern historisches und ethisches Grundlagenwissen die richtige Weiterentwicklung und Auslegung der Gesetze unserer Gesellschaft. Wie Recht heute entschieden und ausgelegt wird, beeinflusst das Recht und die Gesellschaft von Morgen.


#5 Das Recht der Zukunft gestalten.

Verantwortung für diese Gesellschaft von Morgen heißt jedoch auch, anzuerkennen, was der historische Gesetzgeber nicht wusste und nicht wissen konnte. Diese Gesetzeslücken müssen jetzt erkannt und geschlossen werden. Dafür müssen Jurist:innen Zukunftszenarien entwickeln und das Recht für diese weiterdenken. Genau dieses Denken “out-of-the-box” wird in den klassischen Jurafächern nicht gelehrt. Also müssen neben interdisziplinärem Wissen, vor allem interdisziplinäre Methoden gelehrt werden. Sicherlich sind das analyitische Denken und die Strukturierung von Lebenssachverhalten hilfreiche Kompetenzen, die Jurist:innen dabei zu Gute kommt. Sie reichen allerdings nicht aus, um die benannten Zukunftsszenarien rechtlich zu gestalten und zu durchdenken.

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