• Jolanda Rose

InMyMind - Mir reicht's!


Noch nie habe ich so emotional aufgeladen einen Text verfasst, aber heute muss es sein. Ich bin selten sauer, aber heute muss das hier einfach mal spontan in die Welt.

Vorhin habe ich auf Instagram gesehen, wie eine Jurabloggerin die Ergebnisse der Zwischenprüfungsklausur ihrer Uni in BGB AT (Erstsemesterstoff) veröffentlicht hat. Die Durchfallquote lag bei 85 Prozent mit einem Notendurchschnitt von 2,61 Punkten. Wie in aller Welt ist das möglich? Schreitet da der Dekan/ die Dekanin nicht ein?


Durch alle Studierendenvereinigungen hinweg setzen sich seit Jahrzenten für die Modernisierung der Jurist:innenausbildung ein. Erst letztens ist ein sehr gutes Positionspapier von recode.law zum Thema erschienen. Aber wir können noch lange darüber diskutieren, welche innovativen Inhalte und modernen Strukturen wir brauchen, wenn nicht endlich das herablassende Selbstverständnis der Juristerei ein Ende hat.


In welchem anderen Fach ist eine hohe Durchfallquote ein Zeichen für hohe Qualität von Lehre und Ausbildung? Mir fällt keine ein. Aber an Jurafakultäten landesweit wird sich damit gebrüstet, wie schwer die eigenen Prüfungen seien. Es werden gerade jetzt zu Pandemiezeiten Prüfungen teilweise härter gestaltet, der Freiversuch für Modulprüfungen an vielen Unis als unfair den anderen Jahrgängen gegenüber eingestuft und keine Verlängerungen von Hausarbeitsbearbeitungen bei pandemiebedingten, persönlichen Schwierigkeiten gewährt.

Wenn man die Durchfallquoten oder die fehlende Vorbereitung auf die Prüfungen in den Vorlesungen in Frage stellt, wird argumentiert Jura habe einen wissenschaftlichen Anspruch und sei als Universitätsstudium mit Staatsexamen ein Selbststudium. Abgesehen davon, dass das Selbststudium oft nicht die geeignete Lernform ist, rechtfertigen diese Argumente keine Lehre, die an den Bedürfnissen Studierender vorbei geht und keine hohen Durchfallquoten.


Das Jurastudium ist im Gegenteil sehr verschult und wenig wissenschaftlich. Es gibt außerhalb der Schwerpunktbereiche wenig Auswahlmöglichkeiten, "echtes" wissenschaftliches Arbeiten außerhalb der Fallbearbeitung und wenig Raum zu tiefgreifender Diskussion. Aber genau das sollte ein Universitätsstudium doch ausmachen. Hinterfragen der rechtlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, Denken über den Tellerrand hinaus und neue Impulse schaffen. Dafür soll universitäre Lehre das Handwerkszeug mitgeben und inspirieren. Stattdessen wird in Klausuren Wissen abgefragt, das später im Detail nicht mehr relevant ist.

Die Lehrenden sollten sich daran messen und messen lassen, wie gut sie ihre Studierenden wissenschaftlich bilden, zu mündigen Jurist:innen ausbilden und ihnen Argumentationsstärke beibringen. Prüfungen mit derart hohen Durchfallquoten sind didaktisch sinnlos und psychisch für viele Studierenden sehr belastend. Da muss es neue Lösungen geben und zwar besser gestern als heute!


Es wird oft gesagt durch die Pandemie würden die Missstände wie in einem Brennglas noch sichtbarer gemacht und das ist bei der Jurist:innenausbildung in jedem Fall so. Über die Technolgisierung der Lehre und der Juristerei wurde schon viel Gutes geschrieben, aber ein Aspekt fehlt meiner Meinung nach noch völlig in der Diskussion. Die Ausbildung ist nicht nur praxisfern und oft psychisch belastend, sie ist auch problematisch elitär. Einerseits werden so viele Zusatzqualifikationen gefordert, dass mit zwei Staatsexamina, bestenfalls LL.M. und Promotion gerne zehn Jahre vergehen, bis man in der Riege der gut ausgebildeten Jurist:innen angekommen ist. Diese lange Ausbildungszeit muss man sich finanziell erst einmal leisten können. Natürlich ist es möglich, neben dem Studium zu arbeiten, oder BaföG in Anspruch zu nehmen. Aber gerade in der Pandemiezeit sind viele Jobs für Studierende weggefallen, die von staatlicher Seite nicht ausgeglichen werden. Gerade auch in diesem Punkt führt das Ausbildungssystem und die Erwartungshaltung danach zu ungleichem Zugang zu juristischer Bildung. Zu Beginn meines Studiums sagte mir ein Studiendekan mit jedem der folgenden Merkmale hätte man weniger Chancen auf das Bestehen des Studiums, geschweige denn ein Prädikatsexamen: einer Krankheit oder Behinderung, einem Job außerhalb des Fachbereichs oder Kindern. Je mehr dieser Merkmale bei Studierenden zusammen kämen, desto unwahrscheinlicher sei der (gute) Abschluss. Man könnte die Liste wahrscheinlich beliebig forführen mit: Migrationshintergrund, kein akademischer Abschluss der Eltern, usw.. Viele werden sich jetzt denken, ja gut das sind alles keine neuen Themen. Genau, das hier ist "die alte Leier" von Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Und ein rigides, durchgetaktetes Studium wie die Rechtswissenschaften gräbt nur immer tiefere Gräben, in die Studierende mit einem oder mehreren dieser Merkmale fallen können.


Wir brauchen ein inklusives und flexibles Studiensystem, was "Leben" neben dem Studium, andere Interessen oder Bedürfnisse, wie das Kümmern um die eigenen Kinder, die Selbstfinanzierung des Studiums oder Pausen für die eigene Gesundheit zulässt. Denn wir brauchen Jurist:innen und von den voll ausgebildeten gibt es immer weniger.

Dazu gehört vor allem die sinnvolle Integration von juristischen Bachelor- und Masterstudiengängen in die gesamte juristische Ausbildung. Das Zwei-Klassen-System muss ein Ende haben und der Zugang zum Referendariat auch nach zweistufig gewählter, universitärer LL.B und LL.M. Qualifikation geschaffen werden. Wenn jetzt ein Aufschrei durch die Reihen geht, dass dann die Qualität der Ausbildung und Arbeit von zukünfigen Jurist:innen leidet, der kann sich gerne mit vielen meiner Kolleg:innen unterhalten, die alternative Wege schon jetzt gehen. Diese haben heute, wenn sie denn Lust auf die Aufgabe hätten, jedoch keine Möglichkeit als Richter:in, Staatsanwält:in oder Anwältin zu arbeiten. Ich bin gespannt, wann diesselben Leute, die jetzt aufschreien, in nur wenigen Jahren den fehlenden Nachwuchs beklagen.


Die neue Generation an Jurist:innen lässt sich nicht mehr in ein Korsett zwängen, um für Gerechtigkeit einzustehen und die Rechte anderer zu kämpfen.

Wir schaffen neue, eigene Wege und hoffen, dass Lehre und Ausbildung nachziehen!


PS: Das schreibt eine wissenschaftsverliebte, angehende Juristin, die während ihres Studiums viele Krankenhausaufenthalte hinter sich und zwei Kinder zur Welt gebracht hat.


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