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  • Jolanda Rose

10 Thesen zur Digitalisierung der Juristenausbildung

Aktualisiert: Jan 24



Im Rahmen der Legal Revolution habe ich auf dem Lex-Superior-Panel gemeinsam mit Prof. Dr. Michael Beurskens, Daniella Domokos und Dr. Peter Röhm unter der Leitung von Tianyu Yuan die Digitalisierung der Juristenausbildung diskutiert. Die folgenden zehn Thesen sind in Kooperation der Panelisten im Anschluss an die Veranstaltung entstanden. Sie gehen auf die erforderlichen Kompetenzen von Juristen, Konzepte moderner Lehre, innovative Prüfungsmethoden und sowie Möglichkeiten angemessener Berufsvorbereitung ein.


Erforderliche Kompetenzen


#1 Interdisziplinäre Kompetenzen sind (auch) für Juristen unabdingbar. (Rose)


# Die Digitalisierung ist untrennbar mit Interdisziplinarität verbunden. Um die Entwicklungen, die das Rechtssystem und die Berufswirklichkeit in der juristischen Branche verändert, mitgestalten zu können, muss man die Digitalisierungsprozesse verstehen. Dafür sind verschiedene interdiziplinäre Kompetenzen hilfreich.

# Die weit verbreitete Ansicht, jeder Jurist müsse nun programmieren lernen, ist dabei nicht zielführend. Natürlich ist es für einen digitalaffinen Juristen nützlich Programmierkenntnisse zu erwerben. Viel wichtiger wird für Juristen jedoch sein, Programme zu verstehen und sie gewinnbringend für sich einzusetzen. Dafür ist eine technologische Bildung unabdingbar, aber nicht die Grenze.

# In Zukunft werden Juristen mehr an Schnittstellen mit anderen Berufsgruppen und in Teams arbeiten müssen. Der Erfolg eines Juristen in den 2020er Jahren und hinaus wird daher vor allem auf seiner Kommunikationsfähigkeit mit Berufsträgern anderer Disziplinen beruhen. Besondere Bedeutung werden dabei technologische, wirtschaftswissenschaftliche, ethische und kommunikationswissenschaftliche Grundlagen einnehmen. Die Vermittlung dieser interdisziplinären Kompetenzen muss somit Teil der Juristenausbildung sein.


#2 Ohne Digitalkompetenz entsteht kein Digitalverständnis. (Domokos)


# Technologie kann nur ein Werkzeug sein, deren Nutzung gelernt sein muss. Es reicht daher nicht im Rahmen der Vorlesungen über Blockchain, Embedded Law, Smart Contracts etc. zu lernen, wenn die tatsächlich vorhandene Digitalkompetenz im Posten eines Bildes auf Instagram erschöpft ist, man jedoch nicht einmal das Inhaltsverzeichnis über Word erstellen kann. Denn ansonsten werden solche Themen zu abstrakt und ungreifbar, vergleichbar mit dem Erlaubnistatbestandsirrtum.

# Technologie ist und wird immer mehr zu unserem aller Alltag, nicht zuletzt wegen der Datenschutzaspekte jedoch rechtlich besonders relevant. Es reicht daher nicht die Begriffe mal gehört zu haben, man muss sie verstanden haben, um dann Risiken, Gefahren und Probleme einschätzen zu können. Hier haben die Juristen noch eindeutig Nachholbedarf.


#3 Jeder muss heute nach 10-Finger-System tippen können. (Domokos)


Im Zuge der Diskussionen zu eKlausuren kommt immer wieder der Einwand auf, man würde benachteiligt werden, weil man ohnehin schneller per Hand schreiben kann. Abgesehen davon, dass Personen, die schneller tippen als schreiben derzeit, nach der Argumentation, benachteiligt werden, ist dieses Argument im 21. Jahrhundert absurd. Falls man zukünftig Verträge und Gutachten per Hand erstellen wird, mag dies überzeugend sein. Doch das passiert nach meiner Einschätzung, außer aktuell am Berliner Kammergericht, nirgendwo mehr. Lernt tippen!


Moderne Lehre


#4 Es braucht mehr als Einheitsjuristen von der Stange. (Domokos)


# Die meisten Studierenden kommen im Rahmen ihres Studiums irgendwann an den Punkt, an dem Hobbies nicht mehr regelmäßig ausgeübt, Freundschaften und das Privatleben nicht mehr vernünftig gepflegt werden. Man gibt sich in gewisser Weise selbst für neun Punkte oder besser auf. Das Streben nach vb lässt den Blick vom Profil eines Bewerbers abwenden und mit der Zeit auch verdrängen. Der Druck wird mit der Zeit für viele zu hoch und die Erwartungen sind innerhalb der Regelstudienzeit kaum noch zu erfüllen.

# Währenddessen produzieren die Universitäten bloße Einheitsjuristen, die alle dasselbe (nicht) können. Hier sollten Maßnahmen getroffen werden. Ob diese im Ausdünnen des Prüfungsstoffes, weglassen von Nebengebieten oder (eine erneute) Verlängerung der Regelstudienzeit bestehen: Studierenden muss der Druck genommen und auch das Studium zumindest soweit gelockert werden, dass Interessen noch wahrgenommen werden können. # Zum Vergleich: die meisten Bachelor-Studiengänge sehen eine Hauptfach-Nebenfach-Kombination vor, der freiwillige Besuch von fachfremden Veranstaltungen wird unterstützt und zum Teil erwartet. Der juristische Schwerpunktbereich reicht hier meiner Meinung nach nicht aus, zumal dieser auch nicht entsprechend wertgeschätzt wird. Wobei ich die Wertschätzung der Schwerpunktbereichs als wichtig empfinde.

Das wünsche ich mir im Rahmen des Studiums der Rechtswissenschaften. Dadurch würde man von Anfang an mit einem Weitblick an Themen herangehen können und weitere Kenntnisse in unterschiedlichen Bereichen erwerben können.


#5 Es muss mehr freiwillige Vertiefungsangebote zum Verhältnis von Recht und Digitalisierung geben. (Beurskens)


# Es bietet sich nicht an, die absoluten Grundlagen (wie z.B. die Klärung der Fragen "was bedeutet Geschäftsfähigkeit? Was ist eine Anfechtung? ) durch spezifische Digitalisierungsfragen zu ersetzen. Einerseits verändert sich die konkrete Technik schneller, als dass man aus einer spezifischen Umsetzung Kenntnisse ziehen könnte (Beispiel: Heute weiß niemand mehr, was Dialer oder WAP-Billing waren). Zudem sind viele künftig wichtige Fragen noch so offen, dass wir keine „herrschende Meinung“ haben, die man dem Studienanfänger auf dem Tablett präsentieren kann. Sicher wollen wir Diskussionsfähigkeit, logisches Denken und Strukturen lernen – aber jede Wissenschaft braucht irgendwelche Axiome (Grundsäulen) an denen sie sich orientieren kann. Da hilft es nicht wirklich, wenn jeder Dozent nur ein paar eigene Argumente und seine persönliche Ansicht vermitteln kann; insbesondere wenn man vergleichbare (Staats-)Prüfungen haben will. Um nur ein paar Beispiele für dogmatische/strukturelle Probleme zu geben, die ich im Grundkurs im 1. Semester (ohne Kenntnis des „Normalfalls“ des Gesetzes) noch nicht einmal diskutieren würde:

# Ein Onlineshop, der vollständig durch Algorithmen gesteuert wird (von der Beschaffung über den Versand bis zur Preisbildung – was bei Amazon Marketplace durchaus möglich ist) kann plötzlich (wegen Liquidation, Verlust aller Organmitglieder, etc.) kein Betreiberunternehmen mehr haben – wer wird dann vertreten? Wer wird hier Vertragspartner (oder haben wir nur eine Schadensersatzhaftung)?

# Noch grundlegender: Nach heute ganz herrschender (wenn nicht gar allgemeiner) Meinung vertreten automatisierte Systeme nicht selbst, sondern geben nur (vorbereitete / konturierte) Erklärungen einer bestimmten natürlichen Person wieder (die ihrerseits eine juristische Person vertritt). Wer genau diese natürliche Person in einem Unternehmen ist, ist aber unklar – ist es der Programmierer, der vielleicht wirklich weiß wie die Erklärung zustandekommen ist – aber keine Vertretungsmacht iSv § 164 BGB hat? Ist es der Vorstand/Geschäftsführer, der vielleicht gar nicht alle nach außen gerichtete Algorithmensysteme kennt, aber geradestehen soll? Bei einem mehrgliedrigen Organ mit Einzelvertretungsmacht ist unklar, welche konkreten Person im Gremium erklärt. Im Worst Case weiß bei schlechter Compliance niemand im Unternehmen überhaupt, dass hier ein System nach außen agiert.

# Manchmal bewegen wir uns auch in Gebieten, wo wir mit gesetzgeberischen Aktivitäten rechnen, aber nicht wissen wie sie ausgehen (Diskriminierungsverbote, Compliance-Prüfungen, „KI-Grundverordnung“) oder sind sogar noch im vorgelagerten politischen Prozess (Versicherbarkeit, Versicherungspflicht, Sorgfaltspflichten der Beteiligten). Das ist für eine Ausbildung gerade am Anfang doch sehr wackelig – und ein paar Grundpfeiler braucht man schon.

Andererseits bilden die klassischen Grundlagen auch eine Art Code, mit der Juristen text- und zeiteffizient (ohne Zusatzrecherche) viel Informationsgehalt vermitteln können („Das ist doch hier wie beim Haakjöringsköd-Fall“, „Das ist doch wie bei der Trierer Weinversteigerung“). Technologien, die sich nicht durchsetzen oder überholt werden, können keine vergleichbare Grundlage bilden, denn niemand will sich mit BTX und WAP auseinandersetzen (und jede Dissertation, die mir erklärt, dass das Internet aus dem ARPANet hervorgegangen ist, nervt mich als Leser total). Zudem gibt es (aller Digitalisierung zum Trotz) in Deutschland bis heute noch viele Konstellationen, die „offline“ und „analog“ rechtlich beurteilt werden müssen (von der Prügelei bis zum Brötchenkauf gegen Bargeld – die Blockchain ist im Klappmesser des Attentäters ebensowenig relevant wie in der Euromünze). Der Transfer von der Trierer Weinversteigerung zum Smart Contract fällt eher leicht als der umgekehrte Weg vom Smart Contract zur Trierer Weihnversteigerung.

# Bereits heute kommen Fälle im Digitalkontext in Ausbildung und Prüfung vor – vom digitalen Nachlass (Facebook-Zugriff der Eltern nach vermeintlichem Suizid) über Remote-Sperrung (Abschaltung einer Kaffeemaschine bei Nichtzahlung von Raten) bis hin zu Fallen digitaler Biet-Agenten bei Onlineauktionen habe ich schon viel Digitales in Examensklausuren gesehen. Hier sehe ich wenig Nachholbedarf. Im Gegenteil nervt es mich heute etwas, wenn mal wieder ein Fall über Ebay im Examen läuft, denn aus meiner Sicht ist eBay heute so gut wie „tot“ (viele Studierende kennen die Plattform noch nicht mal) – hier haben wir einen modernen Antiquitätenfall, der aber nicht so anschaulich ist wie eben die Trierer Weinversteigerung..

# Ebensowenig sehe ich den Zwang, Urheberrecht und Datenschutzrecht (und IPR, Medienregulierungsrecht, etc.) zum Pflichtfachstoff zu erheben – das kann man sich durchaus auch selbst lernen oder im Schwerpunktbereich vermitteln (für diejenigen, die es interessiert); es gibt genug andere Sachen, die man als „Basiskonsens aller JuristInnen“ verstehen sollte. Es tut mir zwar mitunter fast schon körperlich weh, wenn Kolleginnen und Kollegen oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meinen, dass sie bestimmte Sachen in der Lehre „nicht dürfen“, die das Gesetz ausdrücklich erlaubt – aber das betrifft weniger die typischen juristischen Tätigkeiten, sondern eher das Universitätswesen. „IT-Recht“ sehe ich als keine Kernkompetenz des Juristen, solange ein Großteil der Welt weiterhin analog funktioniert.

# Etwas größeren Bedarf sehe ich in der Tat in IT-Basiskompetenzen. Damit meine ich zunächst einmal ein gewisses Grundverständnis dafür, wie Abfragesprachen und Recherchesysteme funktionieren („warum liefert mir Beck.Online immer nur Unsinn?“), aber auch eine zumindest intuitive Fähigkeit, Informationen in Fachdatenbanken zu finden. Richtig sinnvoll wäre es sogar, Basiswissen über Komplexität, Datenstrukturen und IT-Sicherheit zu haben – denn ohne diese Kompetenzen kann ich entsprechende Systeme nicht wirklich evaluieren und gezielt einsetzen (und zwar egal ob ich im Staatsdienst, in der Privatwirtschaft oder sogar als selbstständiger Anwalt tätig bin). Hier kommt man aber schnell in einen Unschärfebereich, der ähnlich wie die in NRW zum Pflichtfachstoff für alle gehörenden „Kenntnisse der Buchhaltungs- und der Bilanzkunde" (§ 7 Abs. 2 S. 2 JAG NRW) – die weder in den Vorlesungsverzeichnissen vorkommen noch auch nur im Ansatz beherrscht werden. Auch Schlüsselqualifikationsveranstaltungen werden derzeit nur von einem sehr kleinen Teil so (interessiert) genutzt, wie es sein sollte; oft ist es nur ein reines Absitzen.

# Großen Bedarf gibt es im freiwilligen Bereich, wozu ich auch den Wahlpflichtbereich (Schwerpunktbereich) zähle. Derzeit sehe ich hier freilich noch keine Vergleichbarkeit, was natürlich auf den ersten Blick gut ist (keine Versteinerung, freier Wettbewerb, etc.) – andererseits aber auch die Flexibilität einschränkt (Studienortswechsel, Aufwand bei Auswertung von Bewerber/innen). Der große Vorteil des Staatsexamens (Mindestkenntnisse bei allen gleich) wird hier nicht gewährleistet. Vor allem wenn es um Veranstaltungen wie „Rechtsinformatik“, „eCommerce-Recht“, „eGovernment-Recht“, „Internetrecht“, etc. geht (von denen wir in Passau etliche anbieten) – denn hier weiß keiner was sich hinter dem Buzzword verbirgt. Übrigens sind auch Veranstaltungen „Rechtsfragen der Blockchain“, „LegalTech in der Großkanzlei“ oder auch „eBay-Recht“ nicht wirklich aussagekräftiger. Hier sollte man langsam über etwas mehr Standardisierung (sprechende ausführliche Modulkataloge o.ä.) nachdenken.


#6 Gute Lehre sollte alle technischen Möglichkeiten in zumutbarem Umfang nutzen. (Beurskens)


# Die juristische Lehre versteckt sich noch immer sehr hinter der Aussage, man sei eine Textwissenschaft (denn Gesetze sind „Text“). Die Folgerung daraus muss nicht sein, dass man Rechtswissenschaft nur oder primär durch Lesen lernt. Gerade hier sollte man etwas mehr Mut als das Hochladen bloßer Folien erwarten. Rechtswissenschaft ist lebendig und vielschichtig und sollte die verfügbaren Medien und Interaktionsmöglichkeiten auch in der Lehre ausschöpfen.

# Selbst beim Bereitstellen von unterstützenden Materialien (Urteile, Aufsätze, Lehrbuchauszüge) sind die juristischen Fakultäten Schlusslicht (exemplarisch das Pilotprojekt zu §52a UrhG an der Uni Osnabrück https://repositorium.uni-osnabrueck.de/handle/urn:nbn:de:gbv:700-2015061913251: „Ebenfalls keine nennenswerte Rolle spielen meldepflichtige Materialien in den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Neben einer Skript-Kultur und der Nutzung vollständiger Lehrbücher ist insbesondere in den Rechtswissenschaften die Nutzung von Präsenzbeständen der Bibliothek ein wichtiger Eckpfeiler der Lehre, über das LMS werden neben den Skripten vor allem Fallbeschreibungen, Musterlösungen etc. verbreitet.“) – wir haben eines der bestausgebauten Lehrbuch- und Ausbildungszeitschriftensysteme und schicken unsere Studentinnen und Studenten zum Kopierer bzw. lassen diese sich um den einzigen vorhandenen Zeitschriftenband in der Bibliothek kämpfen.

# Interaktive Lernformen (Multiple Choice, Zuordnung, Anordnung, automatisierte Textauswertung) werden pauschal abgelehnt. Aber warum ist die Tätigkeit als Mediziner offenbar leichter per Multiple Choice überprüfbar als diejenige als Anwalt? Und wie machen es denn die Amerikaner, die in ihrem Bar Exam (als Anwaltszulassungsprüfung) in signifikantem Umfang auf Multiple Choice setzen? Sind wir nicht vielleicht einfach nur zu dumm (oder ungeübt) gute Fragen zu entwickeln? Und wenn man Jura nur durch ausformulierte 5-Stunden-Klausuren lernen kann – ist dann nicht unsere ganze Ausbildung (mit mündlichen Fallbesprechungen in Arbeitsgemeinschaften/Übungen, wenigen und kurzen Zwischenprüfungs- und Übungsklausuren sowie völlig überfüllten Hörsälen) völlig ungeeignet?

# Wenn in unserem Studium so große Teile standardisiert sind, dass man an jeder Uni mit jedem Lehrbuch (selbst) lernen kann und auch eine Auflage von vor 5 Jahren meist noch reicht – wieso haben sich dann Inverted Classroom und andere Lernformen nicht schon lange in den Pflichtfächern etabliert?

# Wenn jeder nur in seinem geschlossenen Geheimsystem (dem Ilias/Moodle/etc. der jeweiligen Uni) rumdoktert, entsteht ein unnötiger redundanter Aufwand. Ich habe mich (2000 – https://learn.jura.uni-passau.de/ 2004 – https://casim.hhu.de 2008 – https://visilex.jura.uni-passau.de) mit Selbstlernsystemen befasst und diese sind für "jedermann“ geöffnet. Wenn jeder seine Inhalte und Plattformen öffnen würde, wären wir heute schon viel weiter.

# Man sollte auch versuchen, Technologie dort einzusetzen, wo die Studierenden sie sinnvoll einsetzen können – z.B. bei Law Clinics (etwa https://clinic.jura.uni-bonn.de), die oft noch ganz mittelalterlich mit Emailverteilern etc. statt mit gut verwalteten Datenbanksystemen arbeiten. Legal Tech könnte man auch in simulierten Verfahren (egal ob Verwaltungsverfahren, Moot Courts, etc.) einsetzen – das wirkt gleich viel lebendiger als eine abstrakte Einführung über Nutzen und Grenzen.

# Vorlesungsaufzeichnungen sollten eigentlich heute selbstverständlich sein; im Zweifel nehmen die Studierenden ja ohnehin (rechtswidrig, § 53 VII UrhG; § 201 StGB) alles mit ihrem Handy auf.

# E-Learning muss von den Studierenden akzeptiert werden (und diese müssen aktiv mitarbeiten). Solange (zumindest bei mir) noch immer 87 Prozent der Studierenden lieber eine PDF-Datei downloaden als einen interaktiven Onlinekurs (gleichen Inhalts, aber erweitert um Videos und interaktive Elemente) zu machen, lohnt sich der Aufwand definitiv nicht.


Innovative Prüfungsmethoden


#7 Digitale Prüfungen sind (auch) in der Rechtswissenschaft erstrebenswert und langfristig unumgänglich. (Beurskens)


# E-Klausuren erfordern andere Kompetenzen als handschriftliche Klausuren. Man kann (wenn man geübt ist) zunächst Ideen „brainstormen“ und dann durch Cut&Paste (oder Drag&Drop) restrukturieren. Die entstehenden Arbeiten sind meist besser strukturiert – aber nur mit entsprechender Übung. Der typische Workflow „2 Stunden nachdenken, 3 Stunden runterschreiben“ (bei Menschen, die anders als ich schnell schreiben – bei mir war es „10 Minuten nachdenken 4:50 Stunden schreiben) passt bei einer eKlausur nicht; man kann oft direkt schon ein paar Ideen runterschreiben und diese hinterher umsortieren (in Bayern herrscht hier dank der fest getackerten Hefte der Worst Case – man muss die Reinschrift genau in der Reihenfolge erstellen, die der Prüfer/die Prüferin bekommt und kann nicht mal eben eine Seite noch mal durch eine andere ersetzen; für mich wäre das wohl der Weg von einem 12-Punkte-Schnitt zu einem 5-Punkte-Schnitt in den Klausuren gewesen).

# Die heutigen Studierenden haben teilweise, aber nicht flächendeckend diese Kompetenzen. Privat wird eher auf dem Handy gewischt oder es werden Sprachnachrichten hinterlassen; die Tastatur ist „out“ (und wird nicht mehr „modern“ werden). Auch in der Berufspraxis (in NRW dank Landeslizenz für Dragon Legal für die Justiz) wird mehr gesprochen als getippt. Wenn man also ein eExamen will, sollte man dies rechtzeitig vorher ankündigen. Aber mehr als ein Jahr Vorbereitung benötigt man aus meiner Sicht nicht. Auch „10-Fingerschreibkurse“ sind kein Pflichtangebot (man kann diese einerseits privat buchen, es gibt sehr gute Computerkurse – oder man tippt wie ich mit 4-6 Fingern schneller als die meisten mit 10); tatsächlich ist die Tippgeschwindigkeit aus meiner Sicht weniger wichtig als die Fähigkeit gut mit Copy&Paste umgehen zu können (denn: lange Klausuren sind oft schlechte Klausuren, der gute Jurist/die gute Juristin geht gezielt vor).

# Was unbedingt nötig wäre (und schnell und kostengünstig umsetzbar) wären Probeexamensklausuren am PC. Wenn man hier nicht auf den normalen PC (mit Webapp oder eigener Textverarbeitung) setzen will, gibt es hier gute Software, die man lokal installieren könnte (ich habe auch ein entsprechendes Tool geschrieben), um den PC abzusperren und diesen nur als „Tippgerät“ zu nutzen. Ob man auch die Zwischenprüfung am PC machen muss, ist m.E. fraglich (aber sicher wünschenswert) – diese ist ohnehin nur bedingt mit dem echten Examen vergleichbar. Im Schwerpunktbereich herrscht derzeit ein Wildwuchs, hier würde ich es der jeweiligen Uni überlassen.

# Um Neid zu vermeiden, sollte man dringend überlegen, den Universitäten große EDV-Prüfungssäle zu finanzieren. Dezentrale Prüfungssäle nur für die Justiz sind in den Bundesländern mit mehr als zehnKlausurterminen pro Examen pro Jahr (z.B. NRW) extremst teuer, in Bundesländern mit Verblockung (z.B. Bayern) gar völlig unsinnig, da diese nur bei 2 Klausurterminen in zwei Examina genutzt würden. Hier wäre die Nutzung von Räumen in den Universitäten (die außerhalb der klassischen Prüfungszeiten in den Semesterferien meist leerstehen dürften) eine effiziente Lösung.

# Man sollte sich stets vor Augen führen, dass bei den derzeit diskutierten ePrüfungen der Computer nur eine „elektrische Schreibmaschine“ sein soll – hier tun es extremst günstige Thin Clients (bis hin zum Rasperry Pi), wo man zudem problemlos große Reserven aufbauen könnten. Man sollte zudem möglichst auf Standardsoftware setzen und nichts proprietäres entwickeln – denn das kostet und führt in eine Supportspirale.

# Langfristig kann ich mir ganz andere Prüfungsformate vorstellen, bei denen auch ein Zugriff auf Datenbanken („Semi-Open-Book“) erlaubt ist. Denn es ist völliger Unsinn, Wissen im Examen zu prüfen – eigentlich sollte es um Strukturierung, Argumentation, Schwerpunktsetzung, Subsumtion, etc. gehen. Das stellt zwar höhere Anforderungen an den Aufgabensteller und die Korrektoren – aber im 2. Examen haben wir trotz Zulassung von Palandt etc. ja auch keine Probleme damit, die Notenskala (mehr oder minder) auszuschöpfen.


#8 Es ist erforderlich juristische Staatsprüfungen in ein effizientes, zukunftsfähiges Prüfungsformat zu überführen. (Röhm)


# Digitale Geräte und Informationssysteme sind in vielen Bereichen der Justiz, Verwaltung und Anwaltschaft längst zu einem zentralen Arbeitsmittel geworden. Mit der Einführung des elektronischen Rechtsverkehrs und der elektronischen Akte in den Gerichten schreitet diese Entwicklung rasant voran. Damit entspricht die elektronische Klausurbearbeitung, die u.a. auch die Nutzung der verbesserten Gliederungs- und Formatierungsmöglichkeiten ermöglicht, der heutigen Arbeitswelt deutlich mehr als die Abfassung handschriftlicher Texte.

# Wir erachten es daher für erforderlich, die juristischen Staatsprüfungen in ein effizientes, zukunftsfähiges Prüfungsformat zu überführen und IT-unterstützt durchzuführen. Hierfür ist noch eine Vielzahl an organisatorischen und finanziellen Herausforderungen zu bewältigen. Es gilt, frühzeitig, die rechtlichen Voraussetzungen – insbesondere im Deutschen Richtergesetz – zu schaffen und die notwendigen Ressourcen bereit zu stellen.


Angemessene Berufsvorbereitung


#9 Es muss regelmäßig über neue Berufsperspektiven aufgeklärt werden. (Rose)


# Noch immer ist es gängige Praxis, dass während des Studiums nur die “klassischen” juristischen Berufe als Perspektive vorgestellt werden. Natürlich machen die Berufe des Anwalts, Richters und Staatsanwalts ein großen Teil der tatsächlichen Berufswirklichkeit aus. Dass auch diese Berufe einem Wandel durch die Digitalisierung unterliegen und sich darüber hinaus weitere, neue Berufsbilder an Schnittstellen zur IT oder BWL ergeben, wird aber oft nicht erläutert. Das kann mitunter dazu führen, dass Studierende, die sich nicht mit den “klassischen” Berufen identifizieren können, weniger Motivation für das Studium aufbringen können, dieses abbrechen oder auch das Referendariat gar nicht erst antreten.

# Während des Studiums könnte dabei, neben der Vorstellung neuer Berufe, wie etwa dem des Legal Engineers, eine Öffnung der Praktikumsvorgaben Abhilfe schaffen. Bisher ist es nur möglich sich Praktika anerkennen zu lassen, die unter der Leitung eines Volljuristen abgeschlossen werden. In vielen neuen Feldern arbeiten an entscheidenden Positionen jedoch auch Diplomjuristen, die sich anderweitig z.B. durch einen LL.M., ein weiteres Studium oder MBA weitergebildet haben. Die Motivation dafür neue Berufsmöglichkeiten zu erproben würde also mit der Möglichkeitkeit bei diesen Berufsgruppen Pflichtpraktika ablegen zu können steigen.

# Die stetig rückläufige Zahl der Volljuristen zeigt, dass auch bei der Motivation für und der Durchführung des Referendariats Handlungsbedarf besteht. Zwar schätzen viele die Praxiserfahrungen im Rahmen der verschiedenen Stationen. Allerdings werden auch hier wenige Möglichkeiten geboten, neue Bereiche des Rechts kennen zu lernen.

# Natürlich könnte man anführen, dass jeder, der andere Interessen als die klassisch juristischen Berufe hat, besser mit einem anderen Aufbaustudium aufgehoben wäre. Jedoch geht diese Argumentation in die falsche Richtung. Denn genau die Juristen, die quer denken, sich vielfältig interessieren und innovativ arbeiten wollen, sind für den juristischen Arbeitsmarkt unabdingbar.

# Noch immer ist in vielen juristischen Bereichen der Titel Volljurist zwingende Voraussetzung für eine Anstellung. Damit Dimplomjuristen nicht vor die Wahl zwischen angestrebtem Job und weitergehenden Interessen stehen, sollte man Wert darauf legen diesen Menschen, die die Juristerei in Zukunft weiterbringen werden, gerade im Referendariat spezifische Weiterbildungsmöglichkeiten und Praxiserfahrungen zu bieten.

# Denn am Ende sollte das Ziel sein, die Juristen von heute weiter als Generalisten auszubilden. Lässt man die durch die Digitalisierung entstehenden Entwicklungen des juristischen (Berufs-)Alltags dabei außen vor, verfehlt man selbst dieses seit jeher bestehende Ziel der deutschen Juristenausbildung.

#10 Zur Bildung echter Digitalkompetenz müssen interdisziplinäre Praxisprojekte geschaffen werden. (Rose)


# Zwar sind theoretische Kurse, wie Vorlesungen, in der Juristenausbildung noch immer das gängige Lehrmittel. Neben der Vermittlung verschiedenster interdisziplinärer Kompetenzen ist jedoch die praktische Erfahrung der angehenden Juristen von entscheidender Bedeutung. Nach einer durchaus sinnvollen theoretischen Einführung in digitale Themen, Wirtschaftswissenschaft, Ethik und Kommunikation ist daher eine Anwendung des Wissens zur Herausbildung echter Digitalkompetenz wichtig.

# Besonders geeignet und teilweise schon erprobt ist die Anknüpfung dieser Themen an schon bestehende Praxisangebote, wie z.B. Mootcourts und Law Clinics. So kann in einem Legal-Tech-Team der Law Clinic den Studierenden die Praxis der Prozessoptimierung, Softwareentwicklung und Projektkoordination nahe gebracht werden. Im Rahmen der Law Clinics können auch Grundlagen der (modernen) Kommunikation zum Mandanten, sowie innovativer Marketinggrundlagen z.B. durch das Erstellen einer Law-Clinic-Webseite oder eines Blogs zu relevanten rechtlichen Themen erprobt werden.

Schon einige Universitäten, so die Humboldt Universität zu Berlin, haben derartige Konzepte getestet und erfolgreich veranstaltet.

# Darüber hinaus ist eine tatsächliche Verbindung der Disziplinen durch projektbezogene Zusammenarbeit verschiedener Fakultäten wünschenswert. Denn auch wenn es Juristen weiterbringt, untereinander wie gerade aufgezeigt die entsprechenden Kompetenzen zu erwerben, wäre die Lernkurve für alle Beteiligten viel höher, wenn sie diese Projekte mit Studierenden anderer relevanter Fächer, wie etwa der Wirtschaftswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Informatik, umgesetzt würden. So wird auch die zu Beginn eingeforderte interdisziplinäre Kommunikationsfähigkeit schon in der Ausbildung gefördert.

# Aber nicht nur während des Studiums, auch im Referendariat sind derartige Projekte für die Offenheit und Kompetenz der Juristen von morgen ausschlaggebend. Zum Beispiel könnten Referendare während der Gerichtsstation Projekte zur Modernisierung des Gerichtsprozesses zusammen mit Informatikern umzusetzen. Derartige Projekte wären auch zur Digitalisierung der Verwaltung in der Verwaltungsstation begrüßenswert.

# Natürlich sollen diese Praxisprojekte nicht zu einer weiteren Überforderung der Studierenden und Referendare führen. Einer anschließenden Diskussion bedarf es daher, ob diese Programme verpflichtend und vorerst nur optional integriert werden sollen.


Welche Vorschläge hast du zur Digitalisierung der Juristenausbildung? Was hältst du von unseren Thesen? Wir freuen uns auf dein Feedback.

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