• Jolanda Rose

“Wir wollen mehr als nur Bullshit Bingo spielen”

Aktualisiert: Aug 22


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Wie wird die Zukunft der juristischen Arbeit aussehen? Am 10. April lud die Kanzlei Gansel Rechtsanwälte zum Thema "Legal Tech - Mut zur Innovation" in ihre Räumlichkeiten an der Spree. Bei dem Kanzleievent konnte ich mit anderen Interessierten in die Zukunft der juristischen Arbeit schauen. Es wurden verschieden juristische Arbeitsprofile der Zukunft vorgestellt und Mut gemacht, Jura neu zu definieren.


Der Abend wurde von Kanzleigründer Dr. Timo Gansel humorvoll eröffnet. Das Event war insgesamt von einer sehr offenen und entspannten Atmosphäre geprägt. Er beschrieb das Ziel der Rechtsprodukte seiner Kanzlei damit, viel Geld in möglichst kurzer Zeit vom Schädiger zum Verbraucher zu bekommen. Anders als viele Kanzleien im Bereich Verbraucherrecht, arbeitet Gansel Rechtsanwälte schon jetzt erfolgreich mit nur 30 Anwälten von insgesamt 200 Angestellten. Wie die von Gansel Rechtsanwälte entwickelten Produkte entstehen, wie die Teams zusammenarbeiten und welche Anforderungen der Rechtsmarkt an die Anwälte stellt, trugen André Wittwer, Jan Lampe, Phillip Caba und Boris Gedelev vor. Ein Vortrag über den "War of Talents" von Sebastian von Glahn der TalentRocket GmbH rundete das spannende Programm ab.



“Rechtsdienstleistung muss als Produkt neu definiert werden”


André Wittwer arbeitet als Produktowner bei Gansel Rechtsanwälte. Er sprach über den Begriff des digitalen Rechtsproduktes und über die Anforderungen, die an einen Produktmanager von juritischen Produkten gestellt werden.


Zu Beginn seines Vortrags stellte André sich die Fragen, ob man im Rahmen juristischer Arbeit von einem Produkt sprechen und wie man Recht als Produkt verstehen kann. Dafür bediente er sich der Produktdefinition Phillip Cottlers, der den generischen Produktbegriff in den 1970er Jahren geprägt hat. Ihm zufolge umfasse das Produkt alle materiellen und immateriellen Facetten, aus welchen Kundennutzen resultieren kann. Hierbei würden neben dem funktionalen Nutzen auch andere Nutzenkategorien wie emotionaler und sozialer Nutzen berücksichtigt.

Der Productowner bemängelte, dass durch die anwaltliche Vertretung allein bisher maximal der funktionale Nutzen der Lösung eines konkreten Problems des Mandantens erfüllt wurde. So könne das jedoch in Zukunft nicht weitergehen. Rechtsdienstleistung muss demnach mehrdimensionaler und interdisziplinärer gestaltet werden. Wenn man Rechtsdienstleistung als Produkt versteht, hebelt man dessen Eindimensionalität aus. Konkret muss den Mandanten bzw. Kunden dazu im ersten Schritt klar gemacht werden, dass sie ein Problem haben und Recht bekommen könnten. An diesem Punkt spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Durch Onlinemarketing werden Kunden informiert und dahingehend Barrierefreiheit geschaffen. Diese Aufklärungsarbeit stellt einen elementaren Bestandteil des Rechtsproduktes von Gansel Rechtsanwälte dar.

Nachdem der Kunde informiert ist, geht es im zweiten Schritt um die Auswahl der anwaltlichen Vertretung. Ist eine Individualberatung dabei qualitativ besser als die Beratung durch ein digitales Rechtsprodukt? Wittwer zufolge ist das Gegenteil der Fall. Durch die Entwicklung spezieller Tools könnten die Argumente der Gegenseite noch besser analysiert und entkräftet werden. Außerdem sei die Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant wesentlich vereinfacht. “Wir machen Recht zu bekommen genauso einfach wie einen Fernseher zu kaufen”, betonte er, “genauso sicher, wie man den Fernseher geliefert bekommt, liefern auch wir.”

Ein digitales Rechtsprodukt kann durch die konsequente Vereinigung verschiedener Kernkompetenzen entstehen. Dafür braucht man Juristen, die komplexen Fälle vordenken und strukturieren können. Außerdem sind Entwickler gefragt, um das intellektuelle Konstrukt in Code zu übersetzen. Durch diese maschinelle und standardisierte Verarbeitung kann im Kampf mit der Gegenseite ein Gewicht und eine Relevanz geschaffen werden, die die Vertretung des Einzelnen gar nicht leisten kann.

Der Produktmanager muss zwischen diesen beiden Bereichen vermitteln und die juristischen Themen in technische Überlegungen übersetzen. Er ist für die Weiterentwicklung des Produktes verantwortlich. Ein Produkt dient der Maximierung des Kundennutzens und das ist ein Gedanke, der in der juristischen Dienstleistung bisher oft zu kurz gekommen ist. Produktmanagement bedeutet, das Produkt stetig zu hinterfragen und zu optimieren. Wer als juristischer Produktmanager arbeiten möchte, sollte demnach juristisches und technisches Verständnis mitbringen. Außerdem sollte man sich in sein Gegenüber hineinversetzen können und Dinge immer hinterfragen.

Der studierte Betriebswirt beendete seinen Vortrag mit der Aufforderung an Rechtsanwälte ihre Dienstleistung als Produkt zu sehen. Denn ein Anwalt müsse über seinen Tellerrand, das Recht, hinaus schauen, um in Zukunft erfolgreich zu sein.


“Als Kanzlei können wir von Start Ups viel lernen”


Jan Lampe und Phillip Caba gehören zum Team Automotive. Sie befassen sich industrialisiert mit der Umsetzung der Anliegen der von VW geschädigten Mandanten. Phillip Caba ist Venture Manager und Head of Legal von Vw-Verhandlung.de. Jan Lampe ist Operations Manager und Legal Engineer des Projektes. Als Projektleiter koordiniert er die Rechtsanwälte und wissenschaftlichen Mitarbeiter des Teams.

Sie sprachen über die digitale Disruption des Rechtsmarktes und die Jobprofile des Legal Architects, Legal Engineers, Operations Managers und Costumer Relations Mangers.


Digitale Disruption geht auch am Rechtsmarkt nicht vorbei. Vom Geschäftsmodell erfolgreicher Digitalfirmen wie Amazon kann man Prinzipien für den Rechtsmarkt ableiten. Phillip ist sich zwar sicher, “die großen Wirtschaftskanzleien wird es immer geben”. Der Verbraucherrechtsmarkt hingegen ändere sich stark. Denn der Kunde vergleicht die Rechtsdienstleistung mit anderen digitalen Produkten. Dieselben Ansprüche werden auch an den Rechtsmarkt gestellt. Bei der Umsetzung dieser Anforderungen könne man als Kanzlei von Start Ups lernen. Denn Start Ups denken komplett in digitalen Prozessen. Ganz im Gegenteil zur Justiz und klassischen Kanzleien, die bisher nur in analogen Prozessen gedacht haben.

Bei Gansel Rechtsanwälte werden deshalb alle Prozesse hinterfragt. Für diese Arbeit sind neue Kompetenzen gefragt. Der Jurist sieht bei seiner eigenen, selbst beschriebenen “mittleren Jurageneration” viel Trainingspotential im Bereich digitale Transformation.

Wer allerdings die juristische Dogmatik liebt, findet auch in der juristischen Arbeitswelt von morgen seinen Platz. Dieser Typ Jurist eignet sich bestens als Legal Architect. Legal Architects kreieren die Argumente von morgen. In neuen Gebieten, wie dem Abgasskandal, schreiben sie im Zweifel "den Palandt von morgen".

Wer Jura zwar gut kann, aber technisches Interesse hat, eignet sich als Legal Engineer. Dieser versucht die Argumente des Legal Architect mit den bestehenden Datensätzen zu vereinen. Diese Verzahnung herzustellen bedarf mehr juristischem Verständnis, als technischem Können und nicht anders herum. Zu den Aufgaben des L.E. gehört es außerdem, diese Prozesse zu skalieren. Ziel ist es, die Maschine alles machen zu lassen, was lästig ist.

Der Legal Operations Manager ist hingegen das ausführende Organ. Er bringt Jan zufolge “die PS des Autos auf die Straße, das die anderen konstruiert haben”. Der Operationsmanager überwacht die Prozesse und stellt sicher, dass alles reibungslos funktioniert.

Auch beim Costumer Relations Management kann man sich nach Meinung des Operations Managers bei Start Ups viel abschauen. Denn Mandanten erwarten 24 Stunden Service mit der Qualität vergleichbar mit der persönlichen Beratung eines befreundeten Anwalts. In der Kanzlei setzt ein Customer Hapiness Team, bestehend aus Juristen, alles daran, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Bei Gansel Rechtsanwälte bedeutet Legal Tech konkret, durch Standardisierung und gleichzeitige Anpassung an den Einzelfall besseren Zugang zum Recht zu schaffen. Im Fall des Diesel-Abgas-Skandals hat das für die Anwälte den Vorteil, dass große Datensätze entstanden sind, die genutzt werden können. Bei einem solchen Mandat wäre für einen Einzelanwalt begrenzte geografische Reichweite problematisch. Dieses Grundproblem der geografischen Begrenzung wird durch digitale Produkte, wie sie die Kanzel anbietet, ausgehebelt.

Für die Mandanten hat das den Vorteil, dass auf Grund der Masse mehr Druck auf die Gegenseite ausgeübt werden kann. So wird auch gegenüber großen Firmen wie VW ein besseres Ergebnis erzielt als durch die Vertretung eines Einzelanwalts.

Die Legal-Tech-Experten bekräftigten zum Schluss, dass es das Denken in Daten sei, das ganz entscheidend zählt. So könne man Probleme von heute erkennen, Probleme von morgen durchdenken und und ein Rechtsprodukt anbieten, das den Verbrauchern nützt.


Legal Data Analytics - Case Outcome Prediction oder “Wie geht mein Fall aus?”


Boris Gendelev ist Head of Gansel Green. Er bezeichnet sein Team als “Brieffreunde der Lebensversicherungen, die versuchen sie zu überzeugen, dass sie mehr zahlen müssen als sie wollen.”


Der Datenspezialist begann seinen Vortrag mit Frage nach dem potentiellen Ergebnis der Gerichtsverhandlung. Dies ist einer der typischen Fragen von Mandanten zu Beginn einer Vertretung. Die meisten Anwälte können darauf keine genaue Antwort geben und höchstens nach ihrem Bauchgefühl gehen. Das ist für den Mandanten nicht befriedigend. Boris stellte fest, "ohne Rechtsschutzversicherung wird der Mandant diese Prozessrisiken nicht eingehen".

Durch Legal Data Analytics wird hingegen eine Zahlenbasis ausgewertet. Bei der Data Case Prediction wird eine gewisse Wahrscheinlichkeit berechnet, wie sich der Richter entscheiden wird. Zusätzlich kann die Sicherheit der Prognose abgeschätzt werden. Diese Berechnungen werden auf einem Dashboard dargestellt und so auch dem Mandanten zugänglich gemacht.

Für die Berechnung der Daten werden die Fakten zum Fall und bisher in diesem Zusammenhang gefällten Urteilen genutzt. Mit dieser Methode können auch ein Wandel in der Rechtsprechung und Risikofaktoren im Verfahren erkannt werden.

Für dieses System braucht man strukturierte Falldaten, strukturierte Entscheidungsdaten und ein Vorhersagemodell. Dem Juristen zufolge sei die Erhebung strukturierter Falldaten am einfachsten. Diese Falldaten enthalten Sachverhaltselemente, die in einer Datenbank strukturiert abgelegt sind.

Boris bemängelte jedoch, dass sich das Sammeln strukturierter Entscheidungsdaten in Deutschland auf Grund der rechtlichen Situation schwierig gestaltet. Nicht alle Urteile müssten veröffentlicht werden. Daher sei es die einfachste Methode, Gerichtsstatistiken und veröffentlichte Entscheidungen auszuwerten. Bei veröffentlichen Entscheidungen besteht jedoch die Gefahr, dass die Gegenseite nur die Entscheidungen zur Veröffentlichung bringt, die für sie günstig sind. Bei der Auswertung muss deshalb mit einbezogen werden, dass die veröffentlichten Entscheidungen im Zweifel nicht die Rechtslage oder die Entwicklung der Rechtsprechung widerspiegelt. Das Vorhersagemodell entwickelt schließlich einen Statistiker, der bestenfalls auch eine Liebe für Jura hat.

Seinen Vortrag beendete Boris mit den Worten "Wie viele dieser Daten braucht man? Je mehr desto besser."


“Gansel ist ein Paradebeispiel für die Kanzlei von morgen“


Sebastian von Glahn ist Geschäftsführer der TalentRocket GmbH. In seinem Vortrag sprach er über die neue Generation der Juristen und den sogenannten "War of Talents". Er überzeugte mit harten Fakten zum Fachkräftemangel und Auswirkungen auf die juristische Branche.


Entsprechend vieler Statistiken gibt es einen Verlust von Volljuristen zusätzlich zum demografischen Wandel und zum Fachkräftemangel. So würden z.B. im Jahr 2030 um die 10.000 juristische Beamte in Bayern in Rente gehen. Diese Zahl verdeutlicht eine Kehrtwende, die schon jetzt einsetzt. Es war noch nie so einfach als Jurist seinen Traumjob zu finden - egal ob als Volljurist, Diplomjurist oder mit einem Bachelor of Law. Juristische Arbeitgeber können sich nicht mehr wie gewohnt die besten Kandidaten in komplizierten Auswahlverfahren aussuchen. Fertige Juristen sitzen mittlerweile am längeren Hebel. Denn in allen Bereichen gibt es einen Mangel, der sich vor allem in der Justiz und Verwaltung in den nächsten Jahrzehnten zunehmend verschärfen wird. Sebastian führte als Beispiel das Bundesland Nordrhein-Westfahlen an, das überlege die Notenhürde für Staatsanwälte komplett wegzunehmen. Das typische Versessen sein auf Noten geht immer mehr zurück.

Die TalentRocket GmbH hilft Unternehmen und Kanzleien beim erfolgreichen Arbeitgeber-Marketing. Vor allem mittelständischen und Wirtschaftskanzleien fiele das schwer, betont der CEO. Denn diese hätten wenige Unterscheidungsmerkmale von ihren Kollegen und kein ausgeprägtes Markenimage. Dieses gilt es nun aufzubauen.

Die neue Generation der Juristen möchte nicht mehr für den Job leben und im Büro übernachten. In den 90er Jahren war der Leistungsgedanke Hauptmotivation für die Arbeit. "Es war klar, wer lange und hart arbeitet, hat es geschafft", stellte Glahn fest. Die heutige Generation hinterfrage sich und möchte durch ihre Arbeit Werte schaffen.

Um die Lücke im juristischen Arbeitsmarkt, werde es nicht reichen die Notengrenzen herabzusetzen, so der Jurist. Auch Nicht-Volljuristen müssten mehr in den Juraalltag eingebunden werden. Als Bachelor of Law gibt es aktuell keine Möglichkeit genauso viel zu verdienen wie ein Anwalt. Auch Legal Engineers werden gerade für die Hälfte des Geldes eines Anwalts in Kanzleien eingestellt. Doch das würde dem HR-Experten zufolge nicht lange funktionieren. Gansel Rechtsanwälte sei jedoch ein Paradebeispiel für die Kanzlei von morgen indem sie die Talente verschiedener Profile fördert und Kompetenzen in Teams vereint.

In seinem Resümee forderte er die Kollegen auf, neuen Jobprofilen gegenüber offen zu sein und angemessen zu bezahlen. Denn die Zeiten, in denen junge Menschen den Kanzleien die Türen einrennen, seien vorbei.



Im Anschluss an die Vorträge wurde, wie von Dr. Timo Gansel zu Beginn versprochen, bei Getränken und Snacks noch viel diskutiert und gelacht. Der Abend blieb seinem Motto treu und lieferte echte Fakten und spannende Ideen für die Ausgestaltung der Zukunft des Rechtsmarktes.


Wer über die Events von Gansel Rechtsanwälte auf dem Laufenden bleiben will, folgt der Kanzlei am besten auf Instagram oder Linked In.

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