• Jolanda Rose

"Wir arbeiten an der digitalen Revolution von Wissensarbeit."



Vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass in Heidelberg sich ein neues Startup namens Codefy auf den Weg gemacht hat, die Arbeit mit Texten zu revolutionieren. Ich habe mit dem Mitgründer und CEO Tianyu Yuan gesprochen, der nicht nur Jura, sondern auch Robotik studiert hat und damit Tech-Perspektive auf das Recht kennt. Im Interview erzählt er, was Codefy bewegt und welche Vorteile das Produkt für den juristischen Berufsalltag verspricht.


Jolanda: Es passiert ja nicht jeden Tag, dass Juristen von “Revolution” sprechen. Was habt ihr vor, das diese große Bezeichnung rechtfertigt?

Tianyu: Was die menschliche Arbeit mit Texten betrifft, zielen wir bei Codefy tatsächlich auf eine große und grundlegende Veränderung ab. Und als Startup geht es natürlich darum, Ideen möglichst schnell umzusetzen. Deshalb haben wir uns getraut von “Revolution” zu sprechen. Inhaltlich liegt diese Revolution darin, dass wir im digitalen 21. Jahrhundert strukturell mit Texten immer noch so arbeiten, als würden wir mit Steintafeln durch die Welt laufen. Das PDF ist eine ziemlich lieblos digitalisierte Version des Buches und was die Strukturierung von Inhalten betrifft, sind zwischen Steintafeln, Pergamentrollen, Büchern und PDFs keine riesigen Innovationssprünge zu erkennen. Es stehen einfach Sätze in Listen hintereinander aufgereiht auf einem Trägermedium. Sobald man aber mal anschaut, wie Juristen und andere Experten arbeiten, werden die Defizite deutlich. Das endet dann häufig mit massenweise geöffneten Word- und PDF-Dokumenten und Browser-Tabs, in denen man schnell den Überblick verliert, viele Sachen doppelt liest oder Gelesenes schlicht nicht mehr findet. Mit Codefy schaffen wir ein intelligentes Tool, das genau für diese Arbeitsrealität optimiert ist und das Potenzial der Digitalisierung und moderner Technologien aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz ausschöpft. Das ist die Revolution, an der wir arbeiten.


Jolanda: Das hört sich spannend an. Ist denn aber die Zeit schon reif für diese Neuerung? Es hat sich schließlich, wie du es darstellst, die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende kaum was getan.

Tianyu: Wir sind überzeugt, dass es genau jetzt wichtig und richtig ist, diesen Schritt zu gehen. Wir leben in einer Realität, in dem ein Klageschriftsatz 650.000 Seiten fasst, das Urteil 3.000 Seiten füllt und Strafverfahren eingestellt werden müssen, weil die Gerichte es nicht schaffen, den Sachverhalt im Rahmen der Verjährungshöchstfristen aufzuklären. Das sind natürlich besonders krasse Fälle, aber sie zeigen auf, wie insbesondere juristische Arbeitsvorgänge immer mehr Papierseiten füllen und komplexer werden. Das stellt uns Menschen vor neue Herausforderungen, die uns häufig überfordern. Diese Überforderung betrifft aber nicht nur Arbeitsvorgänge, die mit der Justiz im Zusammenhang stehen. In Unternehmen wird die Rechtsabteilung häufig als “Blocker” wahrgenommen, weil sie zu lange brauchen und Geschäftsprozesse verzögern. Und auch der Compliance-Bereich wird immer herausfordernder, was uns durch etliche Skandale vor Augen geführt wird - man denke nur an Diesel-Gate oder Wirecard. Codefy soll Menschen dabei helfen, diese neue Komplexität und Dynamik der digitalisierten und globalisierten Welt besser beherrschen zu können.


Jolanda: Das hört sich nach einer ziemlich großen und komplexen Aufgabe an. Bekommt man das als Startup hin?

Tianyu: Wir wissen, dass die Herausforderung groß ist. Aber wir sind als Team sehr gut aufgestellt, um dieses große Problem anzugehen. Als Gründerteam bringen wir alle Kompetenzen an einen Tisch, die man für eine solche Aufgabe braucht: Juristisches Fachwissen, technologische Expertise und einen Sinn für Arbeits- und Geschäftsprozesse.

Wir sind vier Mitgründer. Michael ist ein international anerkannter Experte im Bereich Data Science und kennt sich extrem gut aus, was State-of-the-art-Methoden aus den Bereichen Textanalyse, Informationsextraktion und maschinelles Lernen betrifft. Darin hat er über 20 Jahre Forschungserfahrung, sowohl in den USA als auch in Deutschland. Neben seiner Rolle als CTO ist er auch Professor und Institutsdirektor der Informatik an der Universität Heidelberg.

Jakub ist neben mir der zweite Jurist. Aber nicht nur das. Was Jakub vielmehr einzigartig macht ist, dass er wahnsinnig viel praktische Erfahrung als Softwareentwickler hat. Als technischer Mitgründer eines anderen Legal Tech Startups hat er vor wenigen Jahren im Alleingang die Prozesse einer ganzen Kanzlei automatisiert. Die konnte dann mit wenigen Personen in kurzer Zeit tausende Verfahren führen.

Carsten kommt aus der Informatik und Computerlinguistik. Er beschäftigt sich schon seit über 30 Jahren intensiv mit Künstlicher Intelligenz und hat auch darin promoviert. Er war viele Jahre lang bei einem der größten Technologieunternehmen der Welt in der Forschung und Entwicklung beschäftigt und hat am Ende ein großes Team geleitet. Carsten hat auch schon ein Digitalisierungs-Startup erfolgreich bis zu einem mittelgroßen Unternehmen als CTO und später CEO aufgebaut.

Ich selbst bin Jurist, habe aber auch einen akademischen Hintergrund in der Robotik. Unter uns vieren bin ich derjenige, der sich am intensivsten mit juristischen Arbeitsprozessen auseinandersetzt und die Erkenntnisse als Ideen in unser Produkt einbringt. Dabei kenne ich mich besonders gut darin aus, wie man juristisches Wissen und Entscheidungsprozesse modellieren und automatisieren kann. Außerdem bringe ich Startup-Erfahrung aus dem Legal Tech-Bereich mit.

Schließlich - und das ist das wichtigste - sind wir bei Codefy ein Team an Entwicklern und anderen Experten, das jeden Tag mit wahnsinnig viel Energie, Kompetenz und Kreativität unsere Sache voranbringt. Ja, wir haben uns eine große Aufgabe vorgenommen. Wir trauen sie uns aber zu, weil wir das ideale Team dafür sind!


Jolanda: Der Plan hört sich gut an und ihr scheint auch wirklich gut aufgestellt zu sein. Was kann denn Codefy heute?

Tianyu: Wir haben mit Codefy schon einen ersten und sehr wichtigen Schritt gemacht. Und zwar ist das unsere intelligente Suchmaschine für die eigenen Inhalte - eine Art Google für die eigenen Dokumente. Damit können Nutzer schnell und zielgerichtet in den eigenen Dokumenten das finden, wonach sie suchen. Was die Usability angeht, besteht eine Besonderheit von Codefy darin, dass unser Programm für die Nutzer in die Dokumente “hineinschaut”. Das heißt Codefy liefert nicht nur Listen an Dokumenten als Suchergebnisse, wie wir das heute von allen anderen Programmen kennen, sondern wir liefern exakt die Textstellen, für die sich der Nutzer interessiert. Dadurch bleibt nicht nur das zeitraubende Öffnen einzelner Dokumente erspart, sondern man kann auch parallel mit mehreren Textstellen und Dokumenten arbeiten, ohne dass man sich in einem Chaos von PDFs oder Browser-Tabs verliert.

Was die Suchfunktion selbst angeht, vervollständigen wir intelligent Suchanfragen und helfen damit dem Nutzer bei der Formulierung der Suchanfrage. Das ist natürlich etwas, das wir bei Internetsuchmaschinen wie Google kennen. Aber jetzt ist das auch auf den eigenen Daten möglich. Was die Suche anbelangt, sind wir außerdem einen wirklich innovativen Schritt gegangen. Wir haben für Codefy eine Ähnlichkeitssuche entwickelt, mit der man nach ganzen Passagen suchen kann und andere Passagen findet, die einen ähnlichen Inhalt haben. Das ist insbesondere dann sehr nützlich, wenn man z.B. nach einer Vertragsklausel suchen und wissen möchte, wie eine bestimmte Klausel in den eigenen Vertragsmustern formuliert ist oder in anderen früher verhandelten Verträgen verhandelt wurde. Neben der Suchfunktion kann man mit Codefy außerdem schon jetzt Inhalte annotieren, strukturieren und mit anderen Personen zusammenarbeiten.


Jolanda: Verstehe ich damit richtig, dass der Hauptvorteil von Codefy darin liegt, dass man schneller arbeitet?

Tianyu: Ja, das ist jedenfalls ein zentraler Vorteil. Gerade in großen Kanzleien und Unternehmen verbringen Menschen jeden Tag viel Zeit damit, nach bestehenden Inhalten und Arbeitsergebnissen zu suchen. Das Problem dabei ist nicht nur, dass die Suche lange dauert, sondern sie scheitert auch in vielen Fällen. Dann muss aufwendig etwas neu erstellt werden, das eigentlich schon als Arbeitsergebnis existiert.

Negativ ist aber nicht nur der Zeitverlust. Es ist auch eine Frage der Qualität. Mit Codefy kann man eine Entscheidung auf Grundlage der gesamten Erfahrung, die in einer Organisation existiert, treffen. Und auf dieser besseren Informationsgrundlage trifft man auch die besseren Entscheidungen, egal ob es um die Vertragsgestaltung, Vertragsverhandlungen oder die Argumentation in einem Schriftsatz geht. Das heißt mit Codefy kann man nicht nur schneller, sondern auch die besseren Entscheidungen treffen.

Schließlich - und das ist fast am wichtigsten - kann man auch die eigene Profitabilität steigern. Rechtsabteilungen, die Codefy einsetzen, können mit derselben Zahl an Personen deutlich mehr Aufgaben erledigen. Außerdem werden durch schnellere Entscheidungen auch Geschäftsprozesse beschleunigt. Rechtsabteilungen werden dann nicht mehr als “Blocker”, sondern als “Legal Enabler” wahrgenommen. Aber auch im Falle von Kanzleien, die in bestimmten Bereichen nach Stunden abrechnen, steigert Codefy die Profitabilität. Denn nicht alle Stunden, die ein Associate für ein Mandat aufschreibt, können dem Mandanten auch in Rechnung gestellt werden. Diese Diskrepanz zwischen “Utilization” und “Realization” ist zum Teil erheblich. Mit Codefy dagegen können sich Associates auf das Wesentliche konzentrieren und damit den abrechenbaren Anteil an Stunden deutlich steigern, die dem Mandanten in Rechnung gestellt werden.


Jolanda: Wie sieht es dieser Tage hinter den Kulissen von Codefy aus? Woran arbeitet ihr aktuell?

Tianyu: Unsere Suchmaschine ist schon ziemlich ausgereift und auch die ersten Funktionen zur Zusammenarbeit im Team und zur Strukturierung von Informationen stehen schon. Was die Funktionalität von Codefy angeht, arbeiten wir gerade an einem sehr spannenden Konzept, das sich flexibel für sehr viele juristische und auch nicht-juristische Arbeitsabläufe einsetzen lässt. Das funktioniert nach dem Prinzip: “Früher hast Du bei diesem Fall so und so entschieden. Möchtest Du das auch in diesem Fall so machen?”. Die Antwort lautet natürlich sehr häufig “Ja”. Außerdem beschäftigt uns gerade intensiv die Integration in unterschiedliche Datenquellen und Anwendungsprogramme, wie z.B. Netzlaufwerke, Microsoft Sharepoint und Teams sowie diverse Dokumenten-Management-Systeme.


Jolanda: Und wie sieht die Zukunft von Codefy aus? Wo steht ihr in fünf Jahren?

Tianyu: Codefy wird sich von einer intelligenten Suchmaschine zu einem smarten Entscheidungsassistenten weiterentwickelt haben. Codefy leitet den Nutzer dann durch einen Entscheidungsprozess und liefert bei jeder Einzelentscheidung alle verfügbaren Informationen, damit der Nutzer stets die beste Entscheidung treffen kann. Wir werden nicht nur wie zur Zeit deutsche und englische Texte intelligent verarbeiten können, sondern Texte in allen großen Weltsprachen und auch EU-Sprachen. Was die Branchen betrifft werden wir auch nicht nur im juristischen Bereich bleiben. Wir sagen bewusst schon heute nicht, dass wir ein Legal Tech-Startup sind; sondern wir sind schlicht ein Technologie-Startup. Denn das Potenzial unserer Lösung geht weit über den Rechtsmarkt hinaus. Letztlich ist Codefy für alle Menschen gedacht, die mit Wissen arbeiten, wie z.B. im Bereich der Compliance in Unternehmen, bei Strategieberatungen, bei Regierungen, NGOs und anderen Akteuren im öffentlichen Sektor, im investigativen Journalismus oder natürlich in der Wissenschaft. Unsere Vision ist: Codefy wird für alle Menschen das beste Werkzeug, sobald sie mit Wissen arbeiten.


Du möchtest einen Einblick in die Arbeit mit Codefy bekommen? Im Video führt dich Gründer Tianyu schnell und verständlich durch das Programm.



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