• Jolanda Rose

“Man muss ja nicht gleich anfangen zu coden - es reicht zu wissen, wie Digitalisierung funktioniert”

Aktualisiert: Aug 22



Seit Jan-Henrik Busch und Phillipp Neumer beim Kaffeetrinken Anfang ihres Studiums im Jahr 2017 die Idee zur Gründung der ersten Legal-Tech-Studenteninitiative Deutschlands kam, hat sich viel getan beim Legal Tech Lab Frankfurt. Im Interview hat der Jurastudent mit mir über Tipps zur Gründung einer Studenteninitiative, die Reform des juristischen Curriculums und aktuelle Projekte im Lab gesprochen.


Jolanda: Wie kamt ihr auf das Thema Legal Tech?

Jan-Henrik: Das war beim Kaffeetrinken. Das Legal Tech Lab wurde ja von Phillipp und mir gegründet. Wir haben im zweiten Semester darüber geredet, dass wir beide coole Artikel zu dem Thema Digitalisierung im Recht und in der Rechtsbranche gelesen hatten. Wir waren beide sehr begeistert von den Artikeln. Für uns haben diese beiden Themen auf Anhieb zusammengepasst. Man könnte sagen Juristen sind die Programmierer der analogen Welt. Wir formieren diese mit Gesetzen anstatt mit einer Programmiersprache. Wir wollten sofort mehr über das Thema erfahren und haben an der Uni nach einer entsprechenden Veranstaltung gesucht. Leider mussten wir feststellen, dass es dazu noch nichts gibt. Deshalb sahen wir die Notwendigkeit selbst in diesem Bereich etwas zu machen. Im Dezember 2017 haben wir die studentische Initiative gegründet und im Januar 2018 ging es dann richtig los. So sind wir auf das Thema Legal Tech gekommen.


Jolanda: Spannend. Du hast meine zweite Frage gleich mit beantwortet. Nämlich, was hat euch zur Gründung des Vereins bewogen?

Jan-Henrik: Dazu würde ich noch folgendes ergänzen. Es war uns bewusst, dass bis zu unserem Berufseinstieg noch viel Zeit vergehen würde. Wir wollten nicht Gefahr laufen, die Entwicklungen zu verpassen. Bis wir in den Beruf einsteigen, konnten noch sechs oder sieben Jahre vergehen. In einer solchen Zeitspanne kann sich die Welt schon rapide verändert haben. Wir wollten eben diesen Wandel nicht verpassen, sondern lieber darauf vorbereitet sein. Damit wir in der Lage sind Gefahren oder Chancen zu erkennen und den Wandel auch ein bisschen, in ganz kleinen Teilen, zu gestalten. Das hat uns letztendlich dazu bewogen, den Verein zu gründen. Es kann nicht angehen, dass die Studierenden zwar das Recht lernen, aber keine Chance haben, sich über die Entwicklungen, die durch die Digitalisierung in dem Bereich entstehen, zu informieren und sich da ein eigenes Bild zu machen.


Jolanda: Du hast ja schon angesprochen, dass ihr gerne andere bei der Gründung solcher Initiativen unterstützt. Welche Tipps kannst du anderen dafür konkret geben?

Jan-Henrik: Man sollte auf jeden Fall versuchen, bei der Uni einen starken Partner zu finden. Das ist auf jeden Fall ganz wichtig. Das ist uns am Anfang leider nicht so gut gelungen. Trotzdem sollte man sich noch genügend Freiheit erhalten.

Das Wichtigste ist jedoch, dass man begeisterte Leute dafür findet. Es hat keinen Sinn sowas alleine auf die Beine stellen zu wollen. Phillipp und ich hatten recht schnell eine schlagkräftige Truppe um uns herum. Es ist wichtig sich Leute zu suchen, die da dahinter stehen - tatkräftige Unterstützer von der Uni oder auch Kanzleien.

Außerdem ist von großer Bedeutung, dass man sich von vornherein interdisziplinär aufstellt. Das war bei uns von Anfang an so. Unser zweites oder drittes Mitglied war Informatiker, der dann wiederum weitere Informatiker mitgebracht hat. So ist diese Gruppe immer weiter gewachsen. Für uns war klar, dass es nicht sein kann, dass wir nur Juristen sind, die über Dinge reden, die sie technisch nicht verstehen. Man braucht Leute, die technisches Verständnis mitbringen und anderen dieses Wissen einfach vermitteln können. Unsere Mitglieder oder Außenstehende nutzen diesen Austausch oft. Sie kommen mit einer Idee auf uns zu und fragen nach jemanden, mit dem sie mal reden können. Erst letzte Woche war ich gemeinsam mit zwei unserer Informatiker mit jemanden Mittag essen. Er hat seine Idee vorgestellt und die Informatiker konnten dann fundiert Rückmeldung dazu geben. Nur die können einschätzen, ob eine Idee technisch sehr aufwendig oder eher trivial umzusetzen ist.

Zusammengefasst ist auf jeden Fall wichtig: Unterstützer suchen, interdisziplinär sein und begeisterte Leute finden.


Jolanda: Welche Veranstaltungen bietet ihr konkret an?

Jan-Henrik: Wir bieten normale Kanzlei-Events an, wo wir zu Kanzleien gehen und uns über Legal Tech und aktuelle Herausforderungen unterhalten. Außerdem findet oft ein Austausch darüber statt, welche und warum gewisse Tools in der Kanzlei eingesetzt werden. Regelmäßig gibt es auch die Möglichkeit bei Workshops diese Tools kennenzulernen. Das bildet einen großen Teil unserer Events ab.

Bei anderen Events achten wir darauf uns nicht einseitig auf Kanzleien zu konzentrieren. Wir hatten im letzten Monat z.B. jemanden von der EU-Kommission da, der die Sichtweise der EU auf die Digitalisierung aufgezeigt hat. Das war ein sehr interessanter Vortrag an der Uni, bei dem die Chancen und Risiken, die sowas insbesondere für Themen wie die marktbeherrschende Stellung von Unternehmen wie Google hat, dargestellt wurden.

Ein weiteres Veranstaltungsfeld ist der Legal Tech Lab Stammtisch, bei wir uns jeden Monat treffen. Manchmal gehen wir auch dort zu externen Partnern, aber meistens sind wir einfach nur bei Reinvent (Law GmbH, Anm. der Redaktion) und stellen aktuelle Projekte des Legal Tech Labs vor.

Manchmal organisieren wir aber auch einfach nur Barabende, bei denen wir zusammen in eine Apfelweinkneipe gehen und einfach eine gute Zeit zusammen haben.


Jolanda: Speziell zu dem Wort “Lab” in eurem Namen. Was macht ihr genau und was unterscheidet euch von einem klassischen Studierendenverein? Oder gibt es da gar keinen Unterschied?

Jan-Henrik: Doch, ich würde schon sagen, dass das ein Unterschied ist. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass wir schon von Beginn an nicht top down vorgegeben haben, wie der Verein gestaltet werden soll und welche Projekte wir machen. Jedes Mitglied soll die Chance haben, ein eigenes Projekt unter dem Dach des Legal Tech Labs umzusetzen - daher der Name Lab. Was stellt das Legal Tech Lab dafür zur Verfügung? Wir können begrenzt finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen, wenn es z.B. darum geht eine Website aufzubauen, oder einfach mal die ersten Schritte zu finanzieren. Weil wir ein gemeinnütziger Verein sind, gibt unsere Satzung auch her, dass wir solche Sachen fördern und unterstützen. Wir haben durch die Informatiker unter unseren Mitgliedern die Möglichkeit technisches Know-How mitzugeben. Außerdem können die Leute im Kreise der Mitglieder des Legal Tech Labs Unterstützer zu finden, die sagen - hey ich finde das Projekt cool - ich unterstütze das, ich mache da mit und möchte mich auch engagieren. Wir haben natürlich ein großes Netzwerk zu Kanzleien, zu anderen Start-ups, Initiativen, aber vereinzelt auch zu Gerichten, mit denen man in einen Austausch treten kann, um seine eigenen Projekte umzusetzen. Das ist ein ganz großer Fokus, den wir haben. Das ist schon etwas, was uns von anderen unterscheidet.


Jolanda: Durch deine Erfahrung der letzten zwei Jahre, v.a. auf Events - wie schätzt du den Wissensstand der durchschnittlichen Jurastudierenden ein, was das Thema angeht?

Jan-Henrik: Sehr gering, wenn man sich für das Thema nicht begeistert. Man müsste, um die Frage zu beantworten, einen Vergleich zu einem anderen Themenbereich anstellen, der nicht Teil des juristischen Curriculums ist. Wenn man da fragen würde, Legal Tech oder allgemeines Wissen in dem Bereich BWL - wo kennen sich die Leute besser aus. Da würde ich immer sagen BWL.


Jolanda: Und das ist auch schon ein sehr kleiner Teil.

Jan-Henrik: Genau, aber wenn ich da die Frage stellen würde, würde ich zu 100 Prozent auf BWL setzen. Das hatten manche Leute zumindest in Wirtschaft in der Schule oder haben sich mal ein Lehrbuch genommen und die ersten zehn Seiten durchgelesen. Im Bereich IT bzw. Legal Tech ist das anders. Man muss ja nicht gleich anfangen zu coden oder verstehen, wie ein Server funktioniert. Vielmehr reicht es ja zu wissen, wie Digitalisierung funktioniert, was gängige Prinzipien sind, die gerade in die Rechtsbranche übergehen. Oder, dass sich Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung auch im juristischen Bereich ändern. Das wäre Learnings, bei denen es sich lohnt z.B. einen Artikel darüber zu lesen. Aber mein Eindruck ist, dass sich die Begeisterung dafür bei den meisten Jurastudierenden in Maßen hält. Wir stellen aber zumindest ein wachsendes Interesse an Legal Tech im Vergleich zu 2017 fest. Damals war die Begeisterung nicht existent und mittlerweile sehe ich da zumindest eine zarte Knospe.


Jolanda: Das ist bestimmt auch euer Verdienst und der von anderen, die das Thema pushen.

Jan-Henrik: Lokal würde ich schon sagen, dass das unser Verdienst ist. Aber national oder übergreifend ist das der Verdienst der etablierten, juristischen Medien. Wenn z.B. in der JuS oder bei LTO ein Artikel darüber geschrieben wird, lesen das sehr viele. Was auch dazu beigetragen hat ist, dass immer mehr Universitäten das Thema aufgreifen und sich Professoren dahinter stellen und Lehrstühle an ihren Instituten für IT und Legal Tech gründen.


Jolanda: Welche Änderungen würdet ihr euch am juristischen Curriculum wünschen? Du hast selbst schon gesagt, dass es immer mehr Legal-Tech-Veranstaltungen gibt. Es steht regelmäßig der Vorwurf im Raum, dass praxisferne Theorieveranstaltungen nur wenig bringen. Denkst du, dass diese Veranstaltungen trotzdem sinnvoll sind?

Jan-Henrik: Grundsätzlich darf man eine Sache nicht vergessen, wenn man an der juristischen Ausbildung herumdoktert - dass es schon einen Sinn hat, dass unsere juristische Ausbildung so umfassend ist. Dass wir uns dafür Zeit nehmen und noch nicht auf Bachelor/ Master umgestellt haben. Ich finde man darf das nicht pauschal kritisieren, sondern muss dabei immer im Hinterkopf behalten, dass Juristen auf Grund ihrer besonderen Kenntnisse, wie unser Staat funktioniert, wie unser gesamtes Rechtssystem funktioniert, eine wichtige Säule in unserem Staat und unserer Gesellschaft sind. Da haben wir Juristen eine besondere Stellung. Deswegen ist es schon wichtig, dass wir eine fundierte Ausbildung bekommen. Das darf beim Reformieren nicht vergessen werden.

Aber ich finde es auf jeden Fall wichtig, dass man diese Ausbildung zeitgemäß anpasst. Der große Wandel unserer Zeit ist nun mal die Digitalisierung. Bei einer so wichtigen Ausbildung, wie der juristischen, darf die nicht außen vor bleiben. Es muss deshalb eine Grundlagenintegrierung geben. An jeder Uni gibt es Grundlagenfächer, wie Rechtsgeschichte, -philosophie, -theorie und -soziologie. Das Thema muss auf jeden Fall in den Grundlagenfächer repräsentiert sein. Auch die Bedrohung der Digitalisierung für unsere Gesellschaft. Es gibt einen Präsidenten, der durch 160 Zeichen Politik macht. Das ist nicht ganz unproblematisch aus gesellschaftlicher Sicht. Oder auch z.B. die Problematik der Social Bots - sowas wurde bei uns noch nie thematisiert. Dabei sind das tief rechtliche Themen, bei denen wir uns fragen müssen, wie wir damit in Zukunft umgehen wollen. Deswegen finde ich es wichtig, dass in den Grundlagen der juristischen Ausbildung ein Grundverständnis für die Chancen und Risiken der Digitalisierung vermittelt wird.


Jolanda: Wie findet man, solange es solche Veranstaltungen an der eigenen Uni noch nicht gibt, einen Einstieg in das Thema? Du hast schon angesprochen, dass es gewisse Artikel gibt, in die man sich einlesen kann. Was ist da deiner Meinung nach die beste Kombination, wenn man noch gar nichts weiß?

Jan-Henrik: Wenn man natürlich das Glück hat, an einer Universität zu studieren, wo es eine studentische Initiative gibt, oder ein anderes universitäres Angebot - bei uns an der Goethe-Universität gibt es z.B. die Schlüsselqualifikation Legal Tech - dann würde ich auf jeden Fall empfehlen, dort vorbei zu schauen. Wenn man sich davor noch selbst informieren und nicht ganz ohne Vorwissen dahin gehen möchte - wobei ich immer betone, dass bei keiner dieser Initiativen Vorwissen vorausgesetzt wird - kann man sich auf unserem Legal-Tech-Leitfaden* informieren. Das ist ein fünfseitiges PDF, auf dem in einfacher Sprache erklärt wird, was Legal Tech bedeutet. Zudem gibt es eine ausführlichen Link-Sammlung für weitere Informationen. Diesen Leitfaden haben wir ergänzend zu der Veranstaltung erstellt, die wir jedes Semester zu Beginn anbieten. “Legal Tech für Einsteiger” ist ein 30-minütiger Vortrag, bei dem ganz rudimentär von Studierenden für Studierende beleuchtet wird, um was es bei dem Thema überhaupt geht. Da wird auch mal mit dem Buzzword-Bingo aufgeräumt, das da manchmal getrieben wird.


Jolanda: Welche Chancen bietet Legal Tech speziell für angehende Juristen?

Jan-Henrik: Das kommt darauf an, wo der angehende Jurist oder die angehende Juristin arbeiten möchte. Ich denke eine Chance ist natürlich ein berufliches Abgrenzungsmerkmal gegenüber anderen Juristen. Wenn man das aus der Berufseinstiegsperspektive betrachtet. Wenn man das aus der Arbeitsperspektive sieht, kann man durch Einsatz von Legal Tech Zeit oder lästige Arbeiten von vornherein einsparen.


Jolanda: Was sind eure Projekte für die Zukunft?

Jan-Henrik: Wir haben ja letztes Semester das Projekt “Coding for Law Students” gestartet, was sehr gut ankam. Das war ein studentisches Tutorium, das von vier Informatiktutoren und einem juristischen Tutor geleitet wurde. Da haben wir circa 25 Leuten die Grundzüge von Python beigebracht. Das Tutorium wollen wir Ende dieses Semesters auf ein Legal-Tech-Praktikum ausweiten. Dieses Praktikum soll aus “Coding for Law Students” und ergänzenden Kursmaterialien, in denen Themen wie “Legal Tech für Einsteiger” beleuchtet bzw. Legal Tech Tools vorgestellt werden, bestehen. Dadurch bieten wir eine noch fundiertere Auseinandersetzung mit dem Thema und eine E-Learning-Unterstützung für das Lernen von Python. Dafür haben wir auch Uniförderung beantragt und sind gespannt, ob wir die bekommen.

Ein anderes Projekt sind zwei Apps, die wir programmieren wollen.

Die eine App soll eine Unterstützung für die Tutorien bei uns am Fachbereich werden. In der App soll jeder Tutor Wiederholungsfragen für seine Tutoriumsmitglieder einstellen können. Dadurch soll das Lernangebot des Tutoriums durch E-Learning erweitert werden. Die App wird außerdem den Lernerfolg tracken.

Die andere App ist die Legal Tech Lab App. Da wollten wir die Eventorganisation, die auch alle anderen Studenteninitiativen umtreibt, in einer App bündeln. So soll man sich zu Events ganz einfach über die App anmelden und abmelden können. Außerdem wird die App eine automatische Warteliste erstellen. Die App werden wir vorerst bei uns entwickeln, aber später auch anderen studentischen Initiativen zur Verfügung stellen. Wir wissen natürlich, dass das jetzt primär keine Legal Tech App ist. Die Idee ist eher aus der eigenen Not heraus entstanden. Dennoch ist es auf jeden Fall ein Digitalisierungsprojekt. Das Interesse unserer Mitglieder an der Teilnahme an einer App-Entwicklung war groß. Wenn sich jemand an der Entwicklung beteiligen will, kann er sich gerne bei uns melden.


*Um den Leitfaden für Einsteiger zu bekommen, schreibt einfach eine Mail an hello@legaltechlab.de.Wer auf dem Laufenden bleiben will, kann sich so auch für den Newsletter anmelden oder einfach gleich Mitglied werden. Natürlich ist der Legal Tech Lab auch bei Instagram, Linked In und Twitter vertreten.

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