• Jolanda Rose

“Man braucht nicht 30 Jahre Berufserfahrung, um gute Ideen zu haben”



Dr. Stanislaus Jaworski ist Experte für geistiges Eigentum und IT-Recht und Partner der 2020 neu gegründeten Kanzlei NORDEMANN. Im Interview hat er mit mir über seinen beruflichen Werdegang, die idealen Werte einer modernen Kanzlei und den Einsatz neuer Arbeitsweisen und Technologie in der Rechtsbranche gesprochen.

Jolanda: Was machst du beruflich? Stan: Ich bin Rechtsanwalt und Partner bei NORDEMANN, einer Kanzlei für geistiges Eigentum und IT. Wir sind im Januar mit 13 Anwältinnen und Anwälten gestartet und waren vorher alle in einer größeren Boutique. Wir haben uns abgespalten, um unsere Vorstellung einer innovativen und zukunftsgerichteten Kanzlei umzusetzen.

Jolanda: Eine persönliche Frage zu deinem Werdegang. Wie bist du überhaupt zu IT-Recht und Urheberrecht gekommen? Stan: Ich bin dazu ganz klassisch über die Universität gekommen. Ich hatte das im Schwerpunkt. Dort habe ich auch schon Prof. Dr. Jan Bernd Nordemann kennengelernt, bei dem ich eine Vorlesung hatte. Er ist heute einer meiner Partner. Ich fand das Thema schon als Student wahnsinnig spannend. Daher habe ich mich in der Vorlesung auch streberhaft hervorgetan. (lacht). Dadurch bin ich mit Jan (Bernd Nordemann) in Kontakt geblieben, der mir dann nach meinem ersten Staatsexamen sofort einen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter angeboten hat. Also habe ich schon begleitend zum Referendariat in dem Bereich gearbeitet. Seitdem habe ich mich immer mit geistigem Eigentum, vor allem dem Urheberrecht/ Markenrecht/ Wettbewerbsrecht beschäftigt.

Jolanda: Inwieweit bist du vor dem Start mit der neuen Kanzlei mit den Themen, die dich jetzt bewegen, also Legal Tech, innovatives Kanzleimanagement und New Work, in Kontakt gekommen? Oder kamen diese Themen jetzt erst in der Diskussion um die Gründung der neuen Kanzlei auf? Stan: Ich habe mich schon lange mit diesen Themen befasst. Ich habe mich nie nur als Rechtsanwalt, sondern immer auch als Unternehmer gesehen. Denn ich war schon vor und während des Studiums unternehmerisch tätig. Deswegen habe ich nicht nur mit der rein juristischen Brille auf die Dinge geschaut. Legal Tech hat mich vor allem bezogen auf die Möglichkeiten der Effizienzgewinnung interessiert. Auch gesellschaftlich ist das Thema relevant, weil dadurch der Zugang zum Recht verbessert wird. Durch die Effizienzgewinne kann der Zugang zum Recht ja gerade viel günstiger ausgestaltet werden. Was das Thema New Work angeht - unter New Work verstehe ich nicht nur, wie man Sachen technisch besser macht, sondern auch wie man den Geist einer Kanzlei oder eines Unternehmens gestaltet und lebt. Also wie man miteinander umgeht, welchen Rahmen und welche Ziele man sich setzt und wie man diese Ziele auch erreicht. Das spielt in unserer neuen Kanzlei eine entscheidende Rolle. Wir haben die Möglichkeit, alles nach unseren Vorstellungen neu zu gestalten. Das ist sehr reizvoll und bietet viele Chancen. Deshalb ist es für mich besonders spannend, bei NORDEMANN dabei zu sein.

Jolanda: Inwiefern setzt ihr das jetzt um? Was sind eure Kernpunkte des Kanzleiaufbaus und -alltags? Was ist auch da am wichtigsten in Bezug auf die Unternehmenskultur? Worauf legt ihr am meisten Wer? Stan: Was die Unternehmenskultur angeht, ist uns ganz wichtig, dass sie sehr partizipativ ist. Das heißt sehr flache Hierarchien. Wir ermuntern jeden, sich zu beteiligen, mitzumachen und mitzudenken. Wir glauben daran, dass wir viel mehr leisten können, wenn jeder das berechtigte Gefühl hat, Einfluss nehmen zu können, wenn sie oder er dies will. Wir wollen keine Kultur, wo die Partner alles bestimmen und alle anderen nur ausführen. Auch die ganz jungen Anwälte, wissenschaftliche Mitarbeiter und nichtanwaltliche Mitarbeiter sollen sich einbringen, sollen hinterfragen. Jeder kann Verbesserungspotenziale erkennen. Man braucht nicht 30 Jahre Berufserfahrung, um gute Ideen zu haben.

Jolanda: Wie fördert ihr dieses Denken bei den Mitarbeitern? Wie wählt ihr die Leute aus, damit sie das umsetzen? Habt ihr den Anspruch, dass wenn sich jemand bei euch bewirbt, dass der da mitbringen muss? Oder setzt ihr darauf, dass ihr den klassischen Juristen an diese neue Art der Arbeit gewöhnt z.B. in Form von Workshops und Weiterbildung? Denn das ist ja keine typische Arbeitsweise in Kanzleien. Stan: Wir schauen bei den Auswahlgesprächen, ob die Bewerber daran interessiert sind. Natürlich sind Menschen unterschiedlich. Nicht jeder Anwalt bei uns muss so aufgestellt sein und das unternehmerische Denken pflegen. Natürlich müssen junge Anwälte bei uns auch zuarbeiten. Aber wir übertragen schon früh Verantwortung, wenn wir das Gefühl haben, dass sie bereit dazu sind, diese zu übernehmen. Es macht für junge Anwältinnen und Anwälte einen großen Unterschied, ob man immer das Gefühl hat, ausgebremst zu werden, oder ob man dabei unterstützt wird, selbst etwas zu machen und eigenverantwortlich Ideen umzusetzen. Wir praktizieren bei uns kanzleiintern eine Art Kamingespräch, bei dem die älteren Anwälte und Partner mit allen Kollegen, aber auch wissenschaftlichen Mitarbeitern und Referendaren reflektieren, worin ihr Geschäftsmodell genau besteht und was aus ihrer Erfahrung besonders gut funktioniert. Dabei sollen sie auch erklären, was ihre Misserfolge waren, damit wir alle voneinander lernen. Auch ein großer Gedanke bei uns ist das stetige Lernen voneinander. Wir wollen den Austausch unter den Anwälten und zwischen den verschiedenen Teams.

Jolanda: Das ist auf jeden Fall spannend, diese Mischung aus traditioneller Partnerstruktur und “Start-Up-Methoden”. Ich kenne diese Fire Side Chats sonst nur aus der Start-Up-Szene. Nochmal zur Partnerstruktur. Bei euch klingt es so, dass ihr sowohl rechtlich als auch unternehmerisch die klassische Kanzleistruktur mit Partnern und Associates wahrt und trotzdem Innovation durch die Kultur und neue Methoden umsetzen wollt. War diese Struktur von Anfang klar oder habt ihr die vor der Kanzleigründung in Frage gestellt? War auch eine andere Organisationsform im Gespräch? Es wird ja oft gesagt, dass Partnerstrukturen Innovation verhindern. Stan: Ich glaube nicht, dass eine klassische Kanzleistruktur mit Partnern und Nichtpartnern Innovation im Wege steht. Es kommt vielmehr darauf an, wie das konkret umgesetzt wird. Der Innovation wenig förderlich sind Modelle, bei denen auf einige wenige Partner sehr viele Associates mit begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten kommen. In solchen Strukturen lohnt sich die Partizipation und innovatives Denken für den einzelnen Associate kaum. Aber bei uns ist das ja ganz anders. Wir sind aktuell 15 Anwältinnen und Anwälte, davon sind 7 Partner. Auch langfristig wollen wir einen möglichst hohen Partneranteil haben. Das bedeutet, dass wir möglichst vielen Associates, die auch Lust darauf haben, die Möglichkeit bieten wollen, Partner zu werden. Es will auch nicht jeder Partner werden, und das ist völlig in Ordnung. Aber wir wollen jedem die Möglichkeit bieten, der gute Leistungen erbringt, durch die Partnerschaft mehr zu partizipieren und ein noch größeres Mitbestimmungsrecht zu haben. Das spüren bei uns auch die jungen Anwältinnen und Anwälte. Sie bringen sich früh ein, weil sie wissen, dass sie die Möglichkeit haben, Partner zu werden und wissen, dass ihre Meinung und ihr Engagement geschätzt wird.

Jolanda: Sind bei euch, neben diesem außergewöhnlichen Austausch, auch neue Schnittstellenberufe geplant? Anwälte sind mit Disziplinen wie Legal Process oder Process Management ja selten vertraut sind. Wollt ihr Mitarbeiter einbinden, die in dieser Rolle die ganze Kanzlei im Blick haben und hauptberuflich z.B. Business Development machen? Oder soll das von Partnern übernommen werden? Stan: Es wäre sicherlich toll, so etwas zu haben, aber aktuell ist das noch Zukunftsmusik. Mit 15 Anwältinnen und Anwälten sind wir dafür noch etwas klein. In der Zwischenzeit ist es Aufgabe aller Anwälte, vor allem der Partner, da selbst mitzudenken, an sich zu arbeiten und das Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Das machen wir immer auch mit Blick auf Legal Tech und haben da sehr enge Kooperationen vor allem mit Unternehmen im forensischen Bereich, um unsere Arbeit effizienter gestalten zu können und die Rechte unserer Mandanten - viele unserer Mandanten sind Rechteinhaber - besser durchsetzen zu können. Für 2021 haben wir auch eingeplant, uns noch konsequenter und mit Unterstützung von außen mit dem Thema Legal Design auseinanderzusetzen. Wir glauben, dass dies unsere Arbeitsergebnisse weiter verbessern kann. Wir wollen auch unsere bereits in diesem Jahr begonnene Arbeit im Bereich Wissensvermittlung als Teil unseres Marketings fortführen. Hierzu gehört etwa unsere LinkedIn-Reihe #inanutshell Academy und auch unsere sehr beliebten Webinare NORDEMANN KNOWS im Bereich IP und IT.

Jolanda: Um nochmal bei dem Geschäftsmodell zu bleiben. Du hast schon ein paar Jahre Berufserfahrung. Arbeitet ihr noch klassisch auf Stundenbasis? Gibt es eine schwindende Akzeptanz dieses Geschäftsmodell bei den Mandanten? Überlegt ihr da andere Modelle zu entwickeln oder ist es noch zukunftsfähig, wenn man es innovativ und auf die Bedürfnisse der Mandanten abgestimmt gestaltet? Gerade in einem sehr spezialisierten Bereich wie dem IP- und IT-Recht. Stan: Es kommt sehr auf das konkrete Mandat an. Man kann das noch nicht einmal für ein bestimmtes Rechtsgebiet pauschalisieren. Ich glaube nicht, dass es in Zukunft bei komplizierten gerichtlichen Verfahren, also bei der sog. Litigation, viele Pauschalpreise geben wird. Einfach aus dem Grund, dass man nicht seriös vorhersehen kann, wie aufwendig das Verfahren werden wird. Es kommt stark darauf an, was die Gegenseite vorträgt, wie die Richter den Prozess führen. Da arbeiten wir heute auf Stundenbasis, und das wird sich zeitnah wahrscheinlich auch nicht ändern. Etwas anderes sind vorhersehbare Beratungsleistungen, wie etwa die Ausarbeitung oder Prüfung bestimmter Verträge. Hier arbeiten wir de facto schon heute mit Pauschalpreisen. Wir haben zwar keine Preisliste auf der Webseite, aber wir vereinbaren vorab mit den Mandanten ein Budget. Das erwarten die Mandanten auch immer mehr. Man muss ja als Unternehmer wissen, was auf einen zukommt. Das finden wir sehr berechtigt und richten uns selbstverständlich danach. Aber bei großen Prozessen, wo Grundsatzfragen verhandelt werden und wo es um sehr hohe Beträge geht, können wir immer nur Schätzungen abgeben und uns auf Höchstbeträge einigen.

Jolanda: Du bist viel auf die unternehmerische Seite der Antwaltstätigkeit eingegangen. Du selbst hattest da schon Erfahrungen. Erachtest du es innerhalb der Ausbildung als wichtig, dass unternehmerische Kenntnisse mitgegeben werden? Sollen darüber hinaus technologische Grundlagen gelehrt werden? Stan: Ich würde das sehr begrüßen. Ich glaube sowohl betriebswirtschaftliche als auch technologische Kenntnisse sind für Anwälte wichtig. Was in der juristischen Ausbildung auch völlig vernachlässigt wird, ist der Mandant, weil die Ausbildung die Befähigung zum Richteramt im Blick hat und nicht den Anwaltsberuf. Die juristische Ausbildung ist bis zum ersten Staatsexamen nur universitär-wissenschaftlich. Das Referendariat, das einem die Praxis beibringen soll, beschäftigt sich auch überwiegend mit der staatlichen Sicht und bereitet vorwiegend auf Prüfungssituationen und nicht auf „das wahre Leben“ vor. So hat man als angehender Rechtsanwalt wenig Gelegenheit, außer in Anwalts- und Wahlstation, z.B. zu lernen, juristische Informationen so zu verpacken, dass sie auch ein Nichtjurist versteht. Erschreckend viele Juristen scheitern daran. Vielen Juristen fehlt es an Verständnis für die nichtjuristische Perspektive und auch die unternehmerische Perspektive. Das sollte man meiner Meinung nach in der Ausbildung auf die Agenda heben.

Jolanda: Was sind deiner Meinung nach Möglichkeiten für Studierende, Referendare und junge Juristen, sich das anzueignen, solange die Ausbildung noch so funktioniert? Was hat dir da geholfen? Stan: Wenn man es nicht in der Universität vermittelt bekommt, sollte man aus der Praxis lernen. Da kann ich vor allem Praktika empfehlen. Man sollte keine “Scheinpraktika” machen, sondern wirklich in die Unternehmen und Kanzleien gehen. Auch im Referendariat sich einen Platz suchen, wo man viel fallbezogen arbeiten kann. Da kann man schon einen guten ersten Eindruck gewinnen und viel lernen. Auch als Praktikant und Referendar wird man ernst genommen, wenn man den Anspruch hat, ernst genommen zu werden und gute Leistungen erbringt.

Jolanda: Was ist euer Ziel für die nächsten Jahre mit der neuen Kanzlei? Was ist der Traum, den ihr verwirklichen wollt? Stan: Wir haben uns vor der Abspaltung sehr viele Gedanken gemacht, was wir eigentlich wollen. Wir wollen in den nächsten Jahren nicht unbedingt die größte Kanzlei im Bereich IP und IT werden. Natürlich wollen wir wachsen, allerdings organisch. Wachstum steht also nicht im Vordergrund. Wir wollen vielmehr die Kanzlei sein, die sowohl aus Mandanten- als auch aus Mitarbeiterperspektive die beste Kanzlei ist, die man sich aussuchen kann. Die Mandanten wollen mit uns arbeiten, weil wir hervorragende Ergebnisse liefern. Weil wir wie sie unternehmerisch denken und juristische Inhalte so vermitteln, dass sie jeder versteht. Die Berufsanfänger sollen denken, dass wir die tollste Kanzlei sind, weil sie wissen, dass man sich bei uns ganz schnell am Kanzleigeschehen beteiligen kann, sehr realistische Aufstiegschancen hat und es einfach Spaß macht bei uns zu arbeiten, zu gestalten. Wir wollen unsere Grundsätze – Partizipation, Innovation, eine gewisse Entspanntheit und Menschlichkeit - auch wirklich leben und dementsprechend auch glückliche Mitarbeiter haben.

Jolanda: Was wünscht du dir, unabhängig von eurer Kanzlei, für die Rechtsbranche in den 2020er Jahren? Was ist das wichtigste, was sich für ein besseres Rechtssystem und eine bessere Rechtsdienstleistung ändern müsste? Stan: Höhere Akzeptanz von Legal Tech fände ich wünschenswert. Dann müsste natürlich auch der Gesetzgeber für einen sicheren Rechtsrahmen sorgen. In der Ausbildung sollten nicht nur Legal Tech, sondern auch Legal Design und vor allem auch die Praxis aus Sicht von Justiziaren und Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten in den Fokus gefasst werden. Was die Rechtsprechung angeht: Grundsätzlich können wir uns in Deutschland nicht beschweren. Aber mehr Offenheit gegenüber Technik wäre schon schön. Es hatte den Anschein, dass durch Corona Gerichte und Anwälte erst darauf aufmerksam geworden sind, dass es überhaupt die Möglichkeit einer mündlichen Verhandlung per Videokonferenz in der ZPO gibt (Anm.: § 128a ZPO). Trotzdem wurde selbst in Corona-Zeiten von dieser Möglichkeit nur sehr sparsam Gebrauch gemacht, obwohl sich durchaus viele Verfahren auch sachlich dafür eignen würden.

Jolanda: Was werden die relevanten Themen in deinem Fachgebiet in den nächsten Jahren sein? Stan: Was schon lange wichtig ist, aber noch wichtiger werden wird, ist die Verantwortlichkeit von Mittlern, also von Plattformen und Suchmaschinen, sowohl auf gesetzgeberischer Seite als auch vor den Gerichten. Ein anderes Thema, das sehr relevant werden wird, ist Online-Piraterie. Sowohl Produktpiraterie, als auch an Inhalten wie z.B. Filmen, Sportereignissen u.ä.. Sehr spannend ist auch die weitere Entwicklung des Datenschutzrechts und des Rechts an Daten.

Jolanda: Möchtest du den Lesern noch etwas Persönliches mitgeben?

Stan: Man sollte immer das machen, was einem Spaß macht und das konsequent verfolgen. Man sollte keine Angst davor haben, mal zu springen. Wenn man nach vorne kommen will, muss man auch mal springen.


Jolanda: Ins kalte Wasser?

Stan: Ins kalte Wasser oder auch mal über eine Schlucht. Wenn es mal nicht klappt, dann rappelt man sich eben wieder auf und macht klüger als zuvor weiter.


Du möchtest mehr zu aktuellen IP- und IT-rechtlichen Fragen erfahren? In der neuen Webinar-Serie NORDEMANN KNOWS werden diese spannend aufgearbeitet und verständlich erklärt.

42 Ansichten