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  • Jolanda Rose

“Die richterliche Unabhängigkeit wird durch die Digitalisierung perfektioniert.”


Henning Müller ist in einer noch immer ungewöhnlichen Domäne des Legal Tech unterwegs - dem Gericht. Als Sozialrichter und IT-Referent verantwortet er in der hessischen Sozial- und Arbeitsgerichtsbarkeit die internen Digitalisierungsprozesse. Er betreibt unter www.ervjustiz.de einen Blog zum elektronischen Rechtsverkehr. Im Interview habe ich mit ihm über neue Arbeitsmodelle im Richterdienst, den Einsatz von Legal-Tech-Software an Gerichten und Visionen für das Gericht der Zukunft gesprochen.


Rose: Könnten Sie mir für die Leser ihren Job in zwei Sätzen zusammenfassen?

Müller: Ich bin Richter am Landessozialgericht und beschäftige mich in zweiter Instanz mit sozialgerichtlichen Berufungsverfahren. Außerdem bin ich als sog. Präsidialrichter in die Gerichtsverwaltung eingebunden. Hier bin ich für das IT-Referat und das Organisationsrefarat des hessischen Landessozialgerichts zuständig. Seit etwa einem Jahr bin ich im Wege der Abordnung an das hessische Landesarbeitsgericht dort ebenfalls als IT-Referent, also ausschließlich in der Gerichtsverwaltung, tätig.


Rose: Heißt das, dass Sie noch Fälle verhandeln oder sind Sie nur noch in der Verwaltung tätig?

Müller: Man muss als Richter auch immer ein richterliches Dezernat haben. Das ist bei mir natürlich ein relativ geringer Anteil. Auf dem Papier sind es 25 Prozent meiner Tätigkeit, d.h. bei einer Berufungsinstanz sind das circa 50 Verfahren. Diese Fälle verhandele ich selbstverständlich auch. Ich habe heute erst ein Eilverfahren durch Beschluss erledigt. Das ist also ganz normales Richtergeschäft nur mit einem etwas kleineren Dezernat.


Rose: Als IT-Referent wollen Sie Ihren Kollegen den Einsatz von Technik schmackhaft machen. Das ist manchmal gar nicht so leicht. Liegt das auch an der Altersgruppe, mit der Sie zu tun haben? Man liest ja regelmäßig von den Nachwuchsprobleme in der Justiz. Oder liegt es eher an der Berufsgruppe?

Müller: Das hängt mit vielen Faktoren zusammen - sicher auch mit dem Alter. Wenn ich nicht mit dem Computer groß geworden bin, fällt es mir halt schwerer, den zu benutzen. Das Alter spielt schon eine Rolle. Unabhängig davon ist es wichtig, dass man sich darauf einlassen will. Das sehen Sie ja sicher in Ihrem Studium. Die Anwendung von Computerprogrammen für Juristen spielen in der juristischen Ausbildung leider keine Rolle.


Rose: Das stimmt. Nicht mal Zitationsprogramme, wie Citavi, kennen viele. Allerdings liegt das nicht an den Studierenden.

Müller: Nein, das glaube ich. Das liegt natürlich auch an den Professoren und an den Dozenten. Ich bin ja selbst im Nebenamt an einer Uni tätig. Ich prüfe viel im zweiten Staatsexamen und frage immer nach IT-Themen, wie z.B. dem elektronischen Rechtsverkehr. Obwohl die Referendare, die ich da in der mündlichen Prüfung prüfe, meine Prüferprotokolle kennen, mich einfach googeln könnten und wissen, dass das ein Thema für mich ist, ist da oft unfassbar wenig Wissen vorhanden. Die Referendare, die das zweite Staatsexamen bestanden haben, sind am Tag danach Rechtsanwälte. Das heißt sie gehen mit diesem wenigen Wissen über den elektronischen Rechtsverkehr und über IT-Recht in die Praxis und machen da Fehler. Das ist schon sehr bitter. Aber genau dieser Klientel stehe ich ja auch im Richterdienst gegenüber. Die gleichen, die das in der Prüfung am Tag vorher nicht wussten, sind am nächsten Tag Richterin oder Richter. Dann sitzen sie an ihrem Schreibtisch, bekommen eine Akte vorgelegt und haben innerhalb von einem Mentorenprogramm einen erfahrenen Richter - das ist dann ja eventuell wieder die Altersgruppe 50 Plus - neben sich sitzen, der ihnen beibringt, wie man mit dem Kugelschreiber verfügt. So perpetuiert sich eine Arbeitsweise des 19. Jahrhunderts auch an die jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Ich hatte gerade kürzlich ein Gespräch mit einer relativ jungen Kollegin unter 30, die vielleicht seit zwei oder drei Jahren Richterin war. Ich habe mit ihr gesprochen, weil die Behörde, für die sie zuständig ist, auf elektronische Akten umgestellt hat. Ich wollte ihr zeigen, wie man mit elektronischen Akten sinnvoll arbeiten kann. Dann sagte die Kollegin, "du Henning, brauchst du mir nicht zeigen, ich lass mir das ausdrucken". Ich wollte sie überzeugen, aber die Antwort der Kollegin war “nein, ich hab doch schon immer so gearbeitet”. Sie war seit zwei Jahren im Dienst und ist Ende zwanzig. Sie arbeitet also noch 40 Jahre bei uns. Das ist ein Problem, dem man sich stellen muss.


Rose: Leute, die so etwas sagen, haben auch im Studium nicht anders gearbeitet. Ich sehe das Problem ja auch. Man kämpft mit mehr als 300 anderen um die fünf relevanten Bücher für die Hausarbeit. Nichts ist elektronisch verfügbar. Dann ist wahrscheinlich dieses “ich hab schon immer so gearbeitet” nicht auf die zwei Jahre Richteramt bezogen, sondern auch auf die Studienzeit davor. Da haben sie auch immer alles ausgedruckt und markiert.

Müller: Wir sind falsch sozialisiert und so gehen wir dann ins Berufsleben. Das ist ein Riesenproblem. Auf der anderen Seite habe ich eine Wunderwaffe gefunden, die meine Kolleginnen und Kollegen dazu bringt, den Computer als liebenswerte Unterstützung kennen zu lernen: Das ist die Heimarbeit. Richterinnen und Richter können sich ja ihren Arbeitsplatz und ihre Arbeitszeit frei wählen. Das gehört zur richterlichen Unabhängigkeit. Wenn ich Lust hätte morgen in Brasilien zu arbeiten und ich mir das leisten könnte, dann könnte ich das machen. Das wäre gar kein Problem. Nun war es in der Vergangenheit so, dass das bedeuten würde, dass ich meine Papierakten mit nach Brasilien nehmen müsste. Da hätte ich mir früher einen Koffer voller Papierakten packen müssen. Das machen Richter bis heute. Richter, die einen Heimarbeitstag einlegen, müssen am Tag vorher diese Akten in einen Koffer packen und mitnehmen. Zu Hause schreibt man dann irgendwelche Langtexte - Urteile und Beschlüsse. Man hat ja mehr Ruhe als im Büro. Der Worst Case des Heimarbeitstages ist, dass man feststellt, dass die Sache noch gar nicht entscheidungsreif ist. Dann muss man noch etwas ermitteln, was zu Hause mit meiner Akte nicht geht. Deshalb stellen wir jetzt jeder Richterin und jedem Richter einen elektronischen Heimarbeitsplatz zur Verfügung. Wir haben sog. Bootsticks, den ich in meinen häuslichen PC stecken kann. Der fährt meinen PC dann sicher hoch, loggt sich über VPN auf dem Gerichtsserver ein und ich kann dann dort arbeiten. Dort sind mittlerweile alle Akten der hessischen Sozialgerichtsbarkeit, die seit 2014 eingegangen ist, vollständig elektronisch verfügbar. Also habe ich jetzt mein gesamtes Dezernat immer zu Hause, weil ich elektronisch auf alle meine Akten zugreifen kann. Unser Fachverfahren EUREKA-Fach ist optisch ansprechend, effizient und schnell. Damit kann man gut arbeiten. Darüber bekomme ich jetzt plötzlich die Kollegen an den Computer.


Rose: Ist diese Möglichkeit, Home Office zu machen ein Grund für die vergleichsweise hohe Frauenquote im Richterdienst?

Müller: Es ist in der Justiz wirklich so, dass wir einen wahnsinnig hohen Frauenanteil in haben. Das hört sich jetzt gemein an, aber das hängt meines Erachtens auch mit der Bezahlung zusammen. Oft ist es so, dass, es hört sich natürlich nicht sehr AGG-konform an, der Mann in einem Büroturm arbeitet mit einer vollen Stelle und unfassbar viel Geld verdient, aber halt nie zu Hause ist und die Ehefrau mit einer halben Stelle in der Justiz ist und deswegen die Möglichkeit hat, sich um die Kinder zu kümmern. Das ist in der Justiz nicht selten. Ich begrüße das nicht, auch wenn ich viele sehr nette und ebenso fähige Kolleginnen habe, aber ich fände es schon gut, wenn es durchmischter wäre.


Rose: Beziehungsweise, dass das nicht der Grund wäre. Das ist ja wiederum nicht sehr frauenfördernd, obwohl es eigentlich die Frauen fördern soll. Die Umgebung in der sonstigen juristischen Arbeitswelt ist so frauenfeindlich, dass sich der Effekt wieder umdreht.

Müller: Genau. Es ist einfach ein Fehlanreiz. Es wäre schöner, wenn es einfach für beide Geschlechter attraktiv wäre, in der Justiz zu arbeiten. Aber das ist es augenscheinlich im Moment nicht so richtig. Wir haben im Moment einen deutlich höheren Frauenanteil. Nun kann ich aber zumindest diese Realität als Fakt hinnehmen und kann den Frauen, die das machen und die sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, bzw. natürlich auch Männern, die Möglichkeit geben, das richtig effizient zu machen. Denn, wenn das Kind krank ist, dann können die Eltern halt auch einfach mal ungeplant zu Hause bleiben, aber trotzdem arbeiten. Es ist natürlich optimal, um Familie und Beruf zu vereinen. Oder, wenn man an andere Lebenssituationen denkt, Pflege und Beruf zu vereinen. Ich selbst habe das auch genossen, als ich in der oberrichterlichen Erprobung war. Man nennt das liebevoll das dritte Staatsexamen. Da geht man ans Obergericht und wird dort neun Monate lang sozusagen auf Herz und Nieren erprobt und wenn man sich dort bewährt, hat man die Möglichkeit in der Justiz befördert zu werden. Das ist normalerweise so eine Lebensphase, in der man richtig ranklotzen muss. Da gibt man alles, was man kann und arbeitet tagein tagaus. Also noch mehr als sonst. Die Justiz ist tatsächlich kein Platz zum Ausruhen. Ich selbst hatte da sehr kleine Kinder, die eine war damals gerade geboren, als ich in der Erprobung war. Meine zweite Tochter war unterwegs. Das heißt, das war eine Zeit, in der ich mich natürlich beweisen wollte, aber ich wollte auch mein Kind sehen. Das habe ich damals durch den Bootstick, den ich zur Verfügung hatte, und die elektronischen Aktendoppel ziemlich gut hinbekommen. Ich habe am späten Nachmittag das Büro verlassen und dann das ganze Prozedere mit „ins Bett bringen“ gemacht, das kennen Sie ja auch. So konnte ich auch meine Ehefrau ganz gut unterstützen, aber ich konnte mich auch, wenn das Kind geschlafen hat, an den Schreibtisch setzen und arbeiten. Im Notfall auch am Wochenende oder, wenn das Kind krank war. Das gibt einem sehr, sehr viel Freiheit und macht insgesamt den Arbeitsplatz attraktiver. Damit können wir in der Justiz schon punkten. Die Anwaltskanzlei, die sagt, mir ist egal, wo mein Anwalt gerade ist und wann der arbeitet, die muss man erstmal finden.


Rose: Da gibt es auch einen Wandel im Gange. Aber noch ist es leider wirklich so, dass da oft die Sitzzeit im Büro noch zählt.

Müller: Ja so habe ich das in meinen Praktika im Studium auch kennengelernt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass da 12 Stunden lang besonders effizient gearbeitet wurde.


Rose: Das geht ja als Mensch auch gar nicht.

Müller: Genau, aber es war die Erwartung da, dass man 12 Stunden da ist und zwar auch in den Abend rein. Das war etwas, das wollte ich einfach nicht, weil für mich Familie durchaus wichtig war und ist und ich die Familie auch leben wollte. Ich wollte auch Zeit dafür haben. Jetzt habe ich diese Möglichkeit und zwar mit großer Effizienz. Das ist glaube ich ein Punkt, an dem wir viele Kolleginnen und Kollegen erreichen können und denen zeigen können, seht her, hier hat der Computer einen ganz großen, greifbaren Vorteil für euch. Das hat für uns in der Sozialgerichtsbarkeit schon einen Knackpunkt ergeben. Ich würde jetzt nicht sagen, dass es mehr als 50 Prozent meiner Kollegen sind, die den Computer wirklich effizient und durchgehend nutzen, aber zumindest sind es auch nicht nur zehn Prozent. Ich glaube, ich habe mittlerweile schon sehr viele Kolleginnen und Kollegen erreicht. Das ist aber eine Wandlung, vor der sehr viele andere Gerichtsbarkeiten noch stehen. Wenn ich aber zum Beispiel nach Berlin schaue: Auch ihr Sozialgericht in Berlin ist ganz innovativ aufgestellt. Es ist an der Spitze der Entwicklung, im Übrigen nutzen die dasselbe Fachverfahren wie wir. Wenn wir auf der anderen Seite in die ordentliche Gerichtsbarkeit schauen, da tut sich in dieser Hinsicht noch ganz, ganz wenig. Da steht die Justiz insgesamt vor einem ganz großen Umbruch.


Rose: Auf dem Weg, während dieses Umbruchs, oder danach - sehen Sie dann überhaupt, jetzt mal von der Überzeugung Ihrer Kollegen abgesehen, den Nutzen für die Richter noch neuere oder andere Tools einzusetzen? Wenn es so viel Aufwand ist, schon das umzusetzen. Ich habe letztens in einem Gespräch mit einer Anwältin gehabt, die das China Desk und Legal Tech bei einer großen Sozietät macht. Die meinte - was man politisch natürlich nicht begrüßen muss - dass die Chinesen eine Entwicklung, die alle machen, manchmal einfach überspringen. So war es zum Beispiel bei elektronischen Bezahlungssystemen. Wäre es sinnvoller die kompletten Prozesse im Gerichtsverfahren zu digitalisieren - etwa mit Machine-Learning-Unterstützung Urteile mit Bausteinen schreiben. Oder denken Sie das würde das ganze System komplett überfordern?

Müller: Ich möchte erstmal die Chinesen aufgreifen. Wir hatten im letzten Jahr eine chinesische Delegation bei uns zu Besuch, die sich für den elektronischen Rechtsverkehr in Deutschland interessiert hat. Das hat mich schon ziemlich gewundert, weil ich so von meinem Vorurteil ausgegangen bin, dass das in China schon längst umgesetzt ist. Jetzt war da diese chinesische Delegation und hörte sich das alles höflich an und ich dachte, naja die sind halt höflich und hören in Ruhe zu. Aber das war gar nicht so, die haben da genau die gleichen Probleme, wie wir.

Das bringt mich zum zweiten Teil meiner Antwort. Wer Richter wird, der hat schon eine sehr genaue Vorstellung davon, was er machen will. Der will Rechtsstreitigkeiten entscheiden, der will Sachverhalte verstehen und die juristisch subsumieren und zu einem Ergebnis bringen. Das ist schon eine sehr spezifische Gruppe unter den Juristen, die sich entscheidet Richterin oder Richter zu werden und das merkt man. Gerade, wenn wir uns zu Fortbildungen treffen merkt man - das ist schon eine sehr homogene Gruppe. Viele haben den gleichen Arbeitsethos. Aus dieser Überlegung heraus ist es den Richtern ganz wichtig, ihre Kernarbeit, nämlich Fälle zu entscheiden und zu lösen, sehr „menschlich“ bleibt.

Dass sie die Arbeit sehr aus ihrem menschlichen Verständnis heraus machen können. Dass die Arbeit also auch nicht zu sehr automatisiert ist. Bei den Fortbildungen wird immer ganz schnell ein Begriff genannt - Robo Judge.


Rose: Darauf wollte ich auch noch zu sprechen kommen. Das ist ja das Horrorszenario des Richters.

Müller: Ja dieser Robo Judge, das ist immer ein Totschlagargument. Auf jeden Fall soll die Entscheidungsfindung menschlich bleiben.


Rose: Ja davon reden wir ja noch gar nicht. Das haben Sie ja sicherlich richtig verstanden. Es ging mir um die Prozesse davor. Gerade in England haben sie ja z.B. schon andere Ansätze.

Müller: Ich wollte damit auch nur schildern, wie schnell bei einem Richter dieser Punkt erreicht ist, laut „Robo Judge“ zu rufen. Wir hatten uns beispielsweise 2014 in der Sozialgerichtsbarkeit darüber unterhalten, wie wir unsere Sitzungssäle anders ausgestalten müssen. Wir wollte z.B. touchfähige Bildschirme auf die Richterbänke stellen und an die Wand große Monitore hängen, an denen man Aktenvorhalte aus elektronischen Akten machen kann. Da wurde mir ganz schnell klar, an welchem Punkt da für einen Richter schon eine rote Linie entsteht. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sagten: „Auf keinen Fall will ich auf der Richterbank Monitore stehen haben, da kann von mir aus ein Monitor flach vor mir sein, aber ich brauche ein freies Sichtfeld auf die Beteiligten, weil ich sehen will, ob dem Zeugen die Nase lang wird und ich sehe, dass der lügt. Weil ich, wenn ich auf den Kläger einrede, überzeugend sein möchte, sonst macht der keinen Vergleich.“ Sowas ist den Richterinnen und Richtern ganz wichtig. Es ist schon als Horrorszenario erkannt worden, als wir viel über Spracherkennung geredet haben, weil uns das immer hilft mit den wenigen Personalressourcen im öffentlichen Dienst zurecht zu kommen. Hierzu haben die Richterinnen und Richter sich klar positioniert, dass sie auf keinen Fall ein Headset in der Sitzung aufsetzen. Das ist schon zu nah an „Robo Judge“.


Rose: Wie wirkt sich denn der Druck durch Massenklagen auf die Arbeit im Gericht aus?

Müller: Ich würde mal behaupten durchschnittliche Richter arbeitet sehr viel. Gerade in erster Instanz sind Richterinnen und Richter sehr hoch belastet. Aber das ist trotzdem noch ein erträgliches Arbeiten und als Richter wird man dafür auch noch einigermaßen gut entlohnt. Aber bei den Serviceeinheiten ist der Arbeitsdruck nochmal höher. Die haben festgelegte Arbeitszeiten und verdienen deutlich schlechter. Wenn wir da ein bisschen Entlastung durch Digitalisierung reinbringen können, dann haben wir aus meiner Sicht schon ganz viel gewonnen.


Rose: Das heißt, wenn man jetzt sagt, man möchte als Legal Techie die Justiz effizienter gestalten, dann sollte man sich eher diese Prozesse anschauen und da helfen etwas zu entwickeln.

Müller: Genau! Da hilft auch ganz stark diese Fokussierung auf den elektronischen Rechtsverkehr oder auf die elektronische Akte. Wenn nicht mehr ausgedruckt, abgeheftet und durch die Gegend transportiert werden muss, dann ist das natürlich viel effizienter. Wenn etwas nicht mehr in den Briefumschlag getan werden muss und eine Briefmarke draufgeklebt und abgeschickt wird, habe ich einen sehr nervigen Arbeitsprozess gespart.


Rose: Ihr Credo ist also, erstmal die Tools, die da sind, überhaupt zu benutzen und diese zu einem späteren Zeitpunkt dann konstruktiv zu analysieren und nochmal weiterzuentwickeln.

Müller: Ja genau.


Rose: Sie haben ja schon angesprochen, dass es bei den jungen Kollegen schwierig ist, diese Themen rüber zu bringen. Was würden Sie sich denn dann für die juristische Ausbildung wünschen? Klar Sie sind IT-Beauftragter, aber ich hatte von Justizseite ganz klischeemäßig so eine Aussage nicht erwartet. Dass Sie selbst unter demselben Problem, worunter alle Leute, die sich mit Disruption oder Digitalisierung beschäftigen, leiden, dass sie immer alle nur überzeugen müssen. Sie sind ja doch wahrscheinlich dafür, das System mit Staatsexamen aufrecht zu erhalten? Mich würde jetzt wundern, wenn Sie das Referendariat als sinnlos einstufen würden.

Müller: Mal ganz grundlegend. Ich hatte im Studium als Grundlagenfach Rechtsgeschichte und -philosophie. Beides ganz wichtige Fächer. Aber ich würde als weiteres Grundlagenfach, überspitzt gesagt, MS Office anbieten. Ich hätte gerne Absolventen, die schon im ersten Semester routiniert Word bedienen können. Die nicht einfach nur was tippen können, sondern Tastenkombinationen kennen, Überschriften machen und ordentlich formatieren können. Wenn man das schon mal hätte und Absolventen, die das dann im Studium acht Semester vertieft haben, indem sie das in Hausarbeiten anwenden. Dann ist das ein super erster Schritt.


Rose: Das ist ja schon sehr niedriges IT-Niveau. Und selbst das ist nicht gewährleistet bei denen, die kommen?

Müller: Nein. Überhaupt nicht.


Rose: Das hätte ich nicht erwartet. Ich glaube, ich bin für die Einschätzung darüber in der falschen Szene unterwegs.

Müller: Das glaube ich Ihnen, dass das auf Sie eindeutig nicht zutrifft. Es ist aber wirklich so. Natürlich kann jeder Word aufmachen und in Word einen Text eintippen. Aber es ist tatsächlich so, dass der oft danach aussieht wie Kraut und Rüben. Das bedeutet ja immer, dass der danach von der Serviceeinheit wieder angefasst werden muss, damit das schön aussieht, wenn man es rausschickt. Wir haben ein Corporate Design mit Formatvorlagen. Das sind echte Basics, Die hätte ich am liebsten im ersten Semester schon drin. Ich hätte gerne, dass die ganzen Grundlagen, die sich aus dem eJustice-Gesetz ergeben im Hinblick auf elektronischen Rechtsverkehr und elektronische Akten auch gelehrt werden. Ich habe gerade jetzt wieder eine Veranstaltung an der Uni Marburg, eine Universität, die das Thema eigentlich erkannt hat, im Bereich Sozialrecht. Am Punkt „Form der Klageerhebung“, wusste aber keiner, dass eine Klage im elektronischen Rechtsverkehr erhoben werden kann. Die können damit noch gar nichts anfangen. Ich hätte gerne, dass es für eine ZPO und VwGO Vorlesung selbstverständlich ist, dass auch diese Grundlagen Gegenstand werden. Wenn wir das dann geschafft haben, sind wir als Justiz danach in der Bringschuld und müssen den Studierenden im Referendariat eine andere, moderne Erfahrung bieten.


Rose: Wären Sie auch dafür, dass Klausuren am PC geschrieben werden? Wenn man in der Theorie das gelehrt bekommt, in der Praxis aber eine verstaubte Wissenschaft praktiziert - auch im Studium - ist es wahrscheinlich schwer da eine Begeisterung für IT-Themen zu wecken.

Müller: Das baut ja aufeinander auf. Wenn ich einem Studierenden schon im ersten Semester Word beigebracht hat und der das effizient gelernt hat, bin ich sehr dafür. Heute mehr denn je. Gerade bevor wir gesprochen haben, habe ich Klausuren korrigiert und es gab viele, die ich kaum lesen konnte. Das ist natürlich Mist. Am liebsten hätte ich die schlecht bewertet, was ich natürlich nicht machen kann. Ich habe natürlich mehr als doppelt so lange für die Bewertung gebraucht. Dieses „vier Stunden einen Text handschriftlich zu schreiben“, hat auch mit der juristischen Arbeitswelt überhaupt nichts zu tun. Und letztlich fließt diese Unbehagen sicher immer unterbewusst in die Bewertung mit ein - weil vielleicht jemand schneller handschriftlich schreiben kann und dann dadurch mehr unterbringen kann, oder schlimmstenfalls der Korrektor schlecht gelaunt ist, weil er doppelt so lange gebraucht hat für die Klausur. Ich glaube es wäre für alle besser und würde den juristischen Alltag besser abbilden, wenn auch das Staatsexamen am PC geschrieben werden würde.


Rose: Das freut mich jetzt sehr, dass Sie das in dem Interview gesagt haben. So habe ich es schwarz auf weiß. Ich glaube das ist so ein tolles Zeichen, dass das auch mal jemand sagt, der nicht in dem Legal-Tech-Ökosystem ist. Klar Sie sind da mehr drin. Wenn das jemand von Justizseite sagt, wird das ja noch mehr Ernst genommen. Wenn man in einem Legal Tech Start Up arbeitet oder einer Kanzlei arbeitet, die das vorantreibt, sagen die Leute nur "ihr Spinner, ihr seid ja keine echten Juristen mehr und ihr wollt uns ja alle nur überflüssig machen".

Müller: Ich würde es halt unter die Prämisse setzen, dass wir die Leute innerhalb des Studiums dazu befähigen das zu tun. Ich würde ja sogar einen Schritt weiter gehen und zumindest im zweiten Staatsexamen auf Papierkommentare verzichten und den Studierenden Juris und BeckOnline anbieten. Das ist der Alltag. Kein Kollege von mir geht in die Bibliothek und sucht sich da eine Entscheidung des Bundessozialgerichts heraus. Das machen wir in Juris und BeckOnline. Was ist das denn für eine anachronistische Arbeitsweise das nur an einer Stelle anders zu machen, nämlich mitten im Staatsexamen. Bei der Hausarbeit machen wir es anders und im Berufsleben auch.


Rose: Was macht es denn, trotz der ganzen Schwierigkeiten, die Sie so haben, so attraktiv das Richteramt zu wählen? Sie bemühen sich ja sehr elektronisch zu werden und wahrscheinlich wird sich in den nächsten zehn, zwanzig Jahren da noch viel mehr tun. Was macht es für Sie aus, Richter zu sein? Was ist es, was Sie an der täglichen Arbeit so schätzen? Welche Motivation haben Sie, da immer wieder hinzugehen und nicht zu sagen, ich bin jetzt IT-Spezialist und lasse mich dafür in einer Kanzlei besser bezahlen.

Müller: Jetzt bringen Sie mich ja auf Ideen. Nein, es ist tatsächlich das richterliche Kerngeschäft, auch manchmal das Entscheiden oder der Versuch die Wahrheit herauszufinden, das auch in der digitalisierten Welt immer noch genauso spannend ist wie vor 100 oder 500 Jahren. Dass sich eigentlich das richterliche

Kerngeschäft nicht verändert hat, dass aber die Digitalisierung hilft den Arbeitsalltag, den Beruf und den Arbeitsplatz erstens attraktiver zu machen, weil ich zusätzliche Hilfsmittel zur Verfügung habe. Von Spracherkennung über die Möglichkeit Zeugenvernehmungen vollständig aufzuzeichnen, usw. und ich es schaffe, einen Arbeitsplatz mit größtmöglicher Freiheit zu schaffen, einen Arbeitsplatz, an dem ich an jedem Ort der Welt arbeiten kann. An dem ich meine Arbeitszeit so frei wie nirgendswo anders einteilen kann und bei der ich mein eigener Herr bin. Ich glaube das unterscheidet den Richterberuf bis heute und auch noch in weite Zukunft von praktisch allen anderen juristischen Arbeitsfeldern. In den meisten anderen juristischen Berufen bin ich entweder nicht mein eigener Herr, weil ich einen Chef habe, oder aber ich stehe unter dem Druck der Selbstständigkeit, der bedeutet, dass ich jeden Tag für meinen Lebensunterhalt kämpfen muss. Beides habe ich als Richter nicht. Ich habe für mich das, was den Richterberuf ausmacht, die richterliche Unabhängigkeit, mit der Digitalisierung perfektioniert.


Rose: Das ist ein super Schlusswort. Die richterliche Unabhängigkeit wird durch die

Digitalisierung perfektioniert.


Im zweiten Teil des Interviews geht es besonders um das Verhältnis von Justiz, Anwaltschaft und Digitalisierung. Dieser wurde auf dem Legal-Tech-Verzeichnisses veröffentlicht.

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