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  • Jolanda Rose

"Um Legal Tech voranbringen zu können, brauchen wir offene Daten."


#womencrushwednesday #openlegaldata #motivation

Letzte Woche hat mir Saskia Ostendorff, Rechtsanwältin und Mitgründerin von Open Legal Data, Fragen rund um Legal Tech, die juristische Ausbildung und Karriere beantwortet. Im Interview erläutert sie, warum juristische Daten für jedermann zugänglich sein müssen und warum sie erst nach dem Studium verstand, wozu es Feminismus braucht.


Jolanda Rose: Wie würden Sie Ihre Tätigkeit in zwei Sätzen beschreiben?

Saskia Ostendorff: Meine Tätigkeit ist abwechslungsreich, herausfordernd, erfüllend, verantwortungsvoll und bringt viel Spaß. Als Rechtsanwältin habe ich die Möglichkeit unser Rechtssystem zu stärken, Recht durchzusetzen und mich mit der Entwicklung der Gesellschaft, Wirtschaft und Technologie auseinanderzusetzen.


J. R. : Wie kamen Sie zum Thema Legal Tech?

S. O. : Zu dem Thema Legal Tech kam ich durch die Mitgründung der Plattform und Initiative Open Legal Data (http://openlegaldata.io/). Um Legal Tech voranbringen zu können, brauchen wir offene Daten. Ohne Daten können wir den Legal Tech-Bereich nur unzureichend voranbringen. Es geht um den Zugang zu juristischen Informationen für Jedermann und nicht nur für ein juristisches Fachpublikum. Damit können wir einen Beitrag zur Transparenz der Justiz leisten und allen, die gleichen Voraussetzungen für neue Innovationen ermöglichen. Mein Beitrag zum Thema Legal Tech konzentriert sich deshalb schwerpunktmäßig auf die Beschaffung und Aufarbeitung von Urteilsdaten, was sich als schwierig gestaltet. Aber auch als Rechtsanwältin beschäftigt mich die Thematik Legal Tech und die Tätigkeitsbereiche, die sich daraus ergeben.


J. R. : Was schätzen Sie an Ihrer Selbstständigkeit?

S. O. : Meine eigene Kanzlei https://ostendorff.legal/ habe ich 2018 gegründet und freue mich auf die Möglichkeiten und Herausforderungen, die damit einhergehen. Ich wollte mehr als Fälle nur abarbeiten oder zu recherchieren. Ich wollte Neues entwickeln, mitgestalten und alle Möglichkeiten ausschöpfen, um dem Mandanten neue innovative Wege aufzuzeigen. Mein Motto ist von Hermann Hesse: “Das Unmögliche versuchen, das Mögliche erreichen.” Ergänzen möchte ich, dass man über seine Möglichkeiten hinaus wachsen sollte, um sich weiterzuentwickeln. Dieser Spruch begleitet mich schon seit meinem Studium. Ich hatte mir damals fest vorgenommen, nach dem fünften Semester mich für ein halbes Jahr auf das erste Staatsexamen vorzubereiten. Schon damals wollte ich selbstständig und unabhängig von dem “standardisierten Weg” den eigenen Weg gehen.


J. R. : Was überrascht Sie am meisten bei Ihrer Arbeit?

S. O. : Mich überraschen immer wieder die neuen Möglichkeiten und Ideen, die der Rechtsmarkt mit sich bringt. Zum Beispiel müssen wir uns als Rechtsanwälte*innen mit neuen Technologien ständig auseinandersetzen, um dadurch sehr gute Rechtsberatung zu gewährleisten. Das macht die Arbeit abwechslungsreich und spannend. In diesem Zusammenhang ist mir meine ehrenamtliche Tätigkeit bei Open Legal Data eine Herzensangelegenheit. Zu meinem Verständnis als Rechtsanwältin gehört es, dass der Mandant möglichst freien Zugang zu juristischen Informationen erhält und die Justiz und Anwaltschaft sich transparent zeigt. Das schafft - möglicherweise verloren gegangenes - Vertrauen. Hierbei kann ich vor allem mit dem Projekt Open Legal Data einen Beitrag leisten.


J. R. : Wo sehen Sie die Rechtsbranche in 10 und wo in 50 Jahren?

S. O. : Das ist eine sehr gute Frage und ehrlich gesagt - es kommt - ganz im juristischen Sinne - darauf an, wo die Rechtsbranche in 10 Jahren ist. Wir als Anwälte fangen jetzt schon an, uns mit den technischen Möglichkeiten neue Dienstleistungswege zu erarbeiten. Hier besteht sowohl bei der Anwaltschaft, den Gerichte und Behörden Nachholbedarf. In 10 Jahren wird der Anwaltsberuf noch stärker durch Software verändert werden, wie es derzeit schon verschiedene Legal Tech-Ideen zeigen, es wird vielmehr Nutzer bzw. Mandanten orientiert werden. Damit wird der Arbeitsprozess erleichtert und vereinfacht werden. Ich sehe hierin keine Gefahr, sondern eine Chance für den Anwaltsberuf. Wir können dadurch einfache Sachverhalte schnell und zufriedenstellend für den Mandanten lösen und uns mehr Zeit für komplexe Sachverhalte nehmen. Wir müssen allerdings jetzt die Herausforderung annehmen und keine Scheu vor den neuen Möglichkeiten haben. Dazu müssen auch die Rechtsanwaltskammern uns Anwälte*innen durch zeitgemäße Berufsregeln stärken, um neue Wege gehen zu können, die von den Mandanten auch immer mehr erwartet werden. Der Anwaltsberuf wird definitiv nicht mehr das sein, was er jetzt oder vor 10 Jahren war.

Wie die Rechtsbranche dann in 50 Jahren sein wird - ich weiß es nicht. Ich behaupte, dass ein Großteil anwaltlicher Tätigkeit automatisiert wird. Interessant ist zum Beispiel, dass sogar der Notarberuf durch Entwicklungen wie Blockchain ersetzt werden kann. Ich bin überzeugt, dass es den Mandanten zwar immer wichtig sein wird, einen persönlichen Bezug zu haben, gerade wenn es um sehr vertrauliche Angelegenheiten geht, aber wenn unsere Technologie sich weiterhin in dieser Geschwindigkeit entwickelt wie heute, wird es Möglichkeiten geben, diese persönliche und vertrauliche Beziehung auch über neue Technologien herzustellen.


J. R. : Welche Tipps haben Sie für Studenten, die gerade ihren juristischen Weg beginnen?

S. O. : Das Jurastudium bietet eine wunderbare und fundierte Ausbildung und doch habe ich selbst das Studium als ständigen Kampf in Erinnerung. Es hat sich rückblickend aber gelohnt, auch wenn ich zu Beginn oft Zweifel hatte. Mit unserem Wissen haben wir ein Stück Freiheit und können für die Einhaltung der Rechte kämpfen. Das ist für einen Rechtsstaat essentiell.

Außerdem empfehle ich jedem Studenten*innen, die universitären Repetitorien zu besuchen, und sich selbstständig auf das Examen vorzubereiten. Man macht sich weniger verrückt und eigentlich gibt es - gerade für das 1. Examen - bestimmte Punkte, auf die man sich sehr gut vorbereiten kann. Ich arbeite derzeit an einem Leitfaden, wie man sich aber auch innerhalb von sechs Monaten auf das 1. Staatsexamen vorbereiten kann.Andere Student*innen möchte ich stärken und ermutigen, nicht an sich zu zweifeln. Das 1. Staatsexamen in sechs Monaten funktioniert, ich habe während des Schwerpunktstudiums teilweise das universitäre Repitiorium besucht und mich anschließend sechs Monate intensive auf das 1. Examen vorbereitet. Ich möchte alle Studenten*innen bestärken diesen Weg zu gehen, den ich auch erfolgreich gegangen bin.

Zu guter letzt bitte ich alle Studenten*innen, sich nicht unterkriegen zu lassen. In unserem Studium werden wir häufig durch unsere Ergebnisse nicht hinreichend gewertschätzt und “NUR” an den Noten gemessen, obwohl wir hart gearbeitet und uns auf eine Prüfung vorbereitet haben. Am Ende werden unsere Noten, egal wie sie aussehen, in der Arbeitswelt aber nicht ausreichen, denn neben der Leistung zählen auch Kompetenzen wie prozesstaktisches Vorgehen, Psychologie oder technische Kenntnisse. Hier bedarf es großer Veränderung! Ich appelliere daher an alle Studenten*innen, dass sie ihren Mut und ihre Zuversichtlichkeit, ihre Standhaftigkeit während des Studium, und vor allem während der Vorbereitung auf das Examen, nicht verlieren. Geht euren eigenen Weg und nicht gegangene Wege!


J. R. : Bringt Ihnen Ihre klassisch juristische Ausbildung Vorteile für die tägliche Arbeit oder hätten Sie sich eine andere Art von Ausbildung (z.B. mehr Interdisziplinarität im Studium) gewünscht?

S. O. : Die juristische Ausbildung hat insofern den Vorteil, als dass man Zusammenhänge versteht, weil unser Recht immer ein Bild der Gesellschaft ist. Wir lernen ein Handwerkszeug, was uns keiner nehmen kann: ein systematisches Vorgehen. Neben der systematischen Vorgehensweise, sollten wir unsere Kreativität nicht verlieren. Denn die Kreativität ist sehr wichtig, um sich in nicht “klassischen Situationen - Standardfällen” zu Recht zu finden. Hier hätte ich mir gewünscht, dass wir in der Ausbildung mehr Freiheiten gehabt hätten. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn man sich schon viel eher spezialisieren könnte. Zum Beispiel, wenn man nach dem 1. Examen weiß, dass man Anwalt werden möchte, dann sollte man hier gezielt gefördert werden. Dann kann man wunderbar die Grundlagen lernen, die zu dem Anwaltsberuf gehören, nicht nur das juristische, sondern auch das betriebswirtschaftliche und psychologische Wissen, was erforderlich ist. Insofern denke ich, dass das klassische Jurastudium nicht mehr zeitgemäß ist und viel stärker interdisziplinär ausgerichtet werden sollte, zum Beispiel wäre auch das Fach “Informatik für Juristen” notwendig.


J. R. : Wie kann man sich auf die Digitalisierung und die neue Art von Arbeit vorbereiten?

S. O. : Indem wir nicht aufhören zu lernen. Wir müssen uns über die neuen Technologien informieren, sie verstehen und Schnittstellen finden. Wir können nicht alles können, wir sollten aber versuchen, alles Neue kennenzulernen und zu verstehen wie sie funktioniert.


J. R. : Als Frau Karriere zu machen, ist noch immer nicht die Regel. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

S. O. : Es ist jeden Tag eine neue Herausforderung. Man muss sich dauerhaft neu beweisen, insbesondere seine fachlichen Kenntnisse zeigen und selbstbewusst sein. In Unterhaltungen mit Kolleginnen und Frauen aus anderen eher “männerdominierten” Bereichen höre ich oft, dass manchmal schräge Kommentare kommen oder man sich mehr behaupten muss, als ein Kollege. Ich würde mir wünschen, dass in mehr Unternehmen als bisher, gezeigt wird, wie erfolgreich Frauen in Führungspositionen sind. Aber auch Frauen, die sich selbständig machen, müssen mehr gefördert werden. Wie Sie richtig sagen, ist es heute nicht die Regel, als Frau Karriere zu machen oder ein eigenes Unternehmen aufzubauen, denn es gibt derzeit noch zu wenig Unterstützung und das Risiko für eine Frau ist derzeit oftmals größer als für einen Mann.


J. R. : Wie stehen Sie zum Thema Feminismus? Was halten Sie von einer Frauenquote?

S. O. : Während des Studiums dachte ich, warum braucht es “Feminismus” oder eine Frauenquote. Während des Referendariats und - noch mehr danach - änderte sich meine Meinung erheblich. Ich bin in den Bund Deutscher Juristinnen e.V. eingetreten und von einer Frauenquote überzeugt. Leider muss man im Berufsleben - anders als an der Universität - feststellen, dass es nicht selbstverständlich ist, als Frau verantwortungsvolle Positionen zu besetzen und einen zielstrebigen Weg zu gehen. Ich freue mich aber, dass es immer mehr Kollegen gibt, die sich für die Gleichberechtigung stark machen. Dennoch sind Frauen in der Anwaltschaft immer noch unterrepräsentiert.


J. R. : Haben Sie Tipps für junge Frauen, die ähnliches erreichen wollen, wie Sie?

S. O. : Ja, haben Sie Ihre Vision, lassen Sie sich nicht entmutigen, haben Sie keine Selbstzweifel und verfolgen Sie Ihre Werte und Ideale. Suchen Sie sich Mitstreiter*innen, die Sie unterstützen. Stellen Sie sich den Aufstieg eines Berger vor. Es ist häufig nicht einfach, herausfordernd und anstrengend. Man kommt an Punkte, wo man nicht weiter will oder kann, und man fällt zurück. Man muss aber immer wieder aufstehen und die Bergspitze vor Augen haben, denn es ist erfüllend, wenn Sie oben ankommen. Wie Sie am Ende oben ankommen, darauf kommt es nicht an. Nur das Sie ankommen! Haben Sie immer Ihre Vision, die Sie verwirklichen wollen und verfolgen Sie diese mit Leidenschaft. Seien Sie eine Kämpferin für die Werte und Ideale unserer Gesellschaft.

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