• Jolanda Rose

"Meine Bemühungen zur Digitalisierung scheiterten an festgefahrenen behördlichen Strukturen"

Aktualisiert: Aug 22


#visaright #motivationsmonday #startup

Lange war Andreas Kopysov Beamter beim Auswärtigen Amt, jetzt ist er Gründer und CEO von VISARIGHT. Welche Probleme das Start Up löst, was ihn bewogen hat eine sichere Beamtenstellung für die Selbstständigkeit aufzugeben und welche Vorteile die jeweilige Arbeitsweise hat, erläutert er auf lawtechrose.com.


5 Fragen an den Gründer


Jolanda: Wie bist du, weder Jurist noch klassischer Techie, zu Legal Tech gekommen?

Andreas: Als ehemaliger Beamter beim Auswärtigen Amt komme ich direkt aus der Praxis. Während meiner zehnjährigen Zeit beim Amt und verschiedenen Auslandsvertretungen konnte ich die vielen Hürden im Visa- und Migrationsprozess hautnah erleben. Dort hatte ich als Visa-Entscheider häufig mit Antragstellern zu tun, die von der Bürokratie und der unübersichtlichen Informationslage überfordert waren und aufgrund von schlecht oder falsch gestellten Anträgen eine Ablehnung bekamen. Mit einem Eligibility-Check, wie dem, den VISARIGHT jetzt anbietet, und validierter Datenabfrage kann man beiden Seiten des Verfahrens also viel Ärger ersparen.

Zwar bin ich kein studierter Jurist, allerdings erhielt ich bereits in der diplomatischen Grundausbildung beim Amt fundierte Kenntnisse im Ausländerrecht, den Rest bringt die jahrelange Erfahrung.


Jolanda: Was hat dich dazu bewogen VISARIGHT zu gründen, obwohl du einen sicheren Beamtenjob hattest?

Andreas: Das Leid der Antragsteller war in meiner Beamtenzeit allgegenwärtig. Die Entscheider in den Behörden leisten einen guten Job, sind aber stark unterbesetzt und können so der Masse an Antragstellern nicht Herr werden. Dazu kommt, dass die Prozesse im Amt und vor allem bei den verschiedenen Behörden untereinander immer noch kaum digital ablaufen, was zu deutlich langwierigeren Prozessen führt - mit VISARIGHT wollen wir das ändern.

Die Entscheidung, meinen Beamtenstatus aufzugeben, fiel mir definitiv nicht leicht. Zuerst habe ich versucht meine Ideen zur Digitalisierung des Visaverfahrens zu Gunsten der Antragsteller intern im Amt voranzubringen. Dort ist man zwar grundsätzlich interessiert, allerdings scheiterten meine Bemühungen nicht zuletzt an den festgefahrenen behördlichen Strukturen und den umständlichen Entscheidungsprozessen.


Jolanda: Was ist das Geschäftsmodell von VISARIGHT?

Andreas: Unser Ansatz ist es, den Visa- und Migrationsprozess möglichst ganzheitlich auf einer digitalen Plattform abzubilden. Ausländische Antragsteller werden Schritt-für-Schritt durch einen Workflow geleitet, in welchem die allgemeinen Voraussetzungen algorithmisch geprüft, die relevanten Informationen abgefragt und sämtliche Antragsdokumente automatisch erstellt werden. Der Antragsteller muss am Ende lediglich die Dokumente unterschrieben abgeben und bei der Auslandsvertretung seine Fingerabdrücke nehmen lassen.

Inländische Arbeitgeber können zudem über ein individualisiertes Dashboard jederzeit das Verfahren ihrer ausländischen Fachkräfte überwachen und neue Arbeitnehmer einladen.


Jolanda: Was waren die größten Hürden bei der Gründung?

Andreas: Als größte Herausforderung empfand ich den Aufbau von den entscheidenden Kompetenzen. Als Gründer wirst du schnell mit Hürden aus verschiedensten Bereichen konfrontiert. Du bist zugleich Product-Developer, Sales-Manager und HR. Die Lernkurve ist steil, man macht aber natürlich auch viele Fehler. Später holt man sich dann Personal mit den relevanten Fähigkeiten. Hier die richtigen Leute zu finden ist aber auch zeitaufwendig und mit Stress verbunden. Aktuell erlebe ich vor allem wie viel Zeit und Energie für Finanzierungsrunden draufgehen kann.


Jolanda: Welche Vorteile bietet VISARIGHT für eure Kunden?

Andreas: Mit unserem digitalen Produkt haben wir den klaren Anspruch das Visaverfahren unserer Kunden massiv zu beschleunigen und nutzerfreundlicher zu gestalten. Dies erreichen wir durch weitreichende Automatisierung in der Antragsvorbereitung, durch die komplette Bündelung der benötigten Leistungen (z.B. auch Versicherungen etc.) auf einer einzigen Benutzeroberfläche und durch die Vorvalidierung der Anträge.

Wir prüfen die Voraussetzungen digital und bieten unseren Kunden immer eine 100 Prozent Geld-zurück-Garantie für den Fall, dass das Visum doch nicht erteilt wird, was bisher aber noch nie vorkam. Insbesondere im Vergleich mit traditionellen Anbietern ist unser Produkt zudem deutlich preisgünstiger.



Selbständigkeit vs. Beamtentum - ein Vergleich in zehn Punkten


#1 Sicherheit. Klarer Punkt für den Beamtenstatus. Als Beamter auf Lebenszeit hat man ein sehr hohes Maß an beruflicher Sicherheit für die eigene Zukunft. In der Selbstständigkeit kann man jederzeit wieder bei Null stehen. (Selbständigkeit 0:1 Beamtentum)


#2 Geld. Es kommt darauf an. Beamte verdienen je nach Besoldungsstufe ordentlich bis sehr gut. Als Gründer muss man den Gürtel anfangs häufig eng schnallen, es gibt allerdings viel Luft nach oben, auch finanziell. Punkt für beide. (1:2)


#3 Selbstverwirklichung. Häufig einer der wichtigsten Gründe für die Selbständigkeit. Als Gründer kannst (oder musst) du die Entscheidungen selbst treffen und mit den Konsequenzen leben. Das macht Spaß ist aber auch fordernd. Im öffentlichen Dienst sind die Strukturen hierarchischer. (2:2)


#4 Human Factor. Als Start-Up-Gründer kannst du dir aussuchen mit wem du zusammenarbeiten willst. Das hat viele Vorteile, ist aber natürlich auch eine besondere Verantwortung. Aus eigener Erfahrung ist die Akquise von gutem Personal eine der entscheidendsten Herausforderungen. Trotzdem Punkt für die Selbständigkeit (3:2)


#5 Freizeit. Wenn man es mit dem Gründen ernst meint, verbringt man sehr viel Zeit mit seinem Unternehmen. Als CEO hat man keinen Dienstschluss, was sich negativ auf das eigene Freizeit-Kontingent auswirken kann. Auch Freunde und Familie mit dem eigenen Start-Up-Verantwortung in Einklang zu bringen ist nicht leicht. In der Behörde ist der Ablauf besser planbar. (3:3)


#6 Selbstentwicklung. In einem Start Up, ob als Gründer oder Mitarbeiter, lernt man schnell. Das ist auch wichtig, denn es gilt das eigene Produkt am Markt zu testen und Anpassungsfähigkeit zu beweisen. Der eigene Erfahrungshorizont wird dadurch enorm ausgeweitet und du musst regelmäßig aus deiner Komfortzone heraustreten. (4:3)


#7 Karriere. Die Beamtenlaufbahn bietet einen vorhersehbaren, klar definierten Karrierepfad. Je nach eigener Qualifikation erreicht man allerdings auch schnell eine gläserne Decke. Die Selbständigkeit bietet zwar unbegrenzte Möglichkeiten, der (wirtschaftliche) Erfolg ist aber alles andere als sicher. Wer (als Jurist) primär Karriere machen will, geht vielleicht doch besser in eine Großkanzlei. Keine Punktveränderung. (4:3)


#8 Stressfaktor. Gründen ist stressig. Man hat nie das Gefühl wirklich fertig zu sein, denn die externen Herausforderungen (und die eigenen Ideen) kommen meist zu schnell. Es geht darum, die richtigen Schwerpunkte zu setzen und richtiges Delegieren zu lernen. Im Amt war mein Arbeitsalltag jedenfalls entspannter, wenn auch weniger reizvoll. (4:4)


#9 Digitalisierung. Für mich ein wesentlicher Faktor für das Wagnis Unternehmertum. Sicherlich ist die Ausprägung der Digitalisierung bei den Behörden unterschiedlich, ich hatte aber das Gefühl, dass Potenziale viel zu lange ungenutzt bleiben. In der Selbständigkeit gilt es Chancen wie die Digitalisierung und Automatisierung schnell nutzbar zu machen, wobei einem niemand im Wege steht. (5:4)


#10 Kreativität. Das eigene Start Up erfordert sicherlich einiges an Kreativität, fördert diese wiederum aber auch. Ein Gründer wird ständig mit bisher unbekannten Herausforderungen konfrontiert, die es kreativ zu lösen gilt. Wichtig ist es auch sich einen möglichst vielfältigen Pool an Meinungen zu holen, ob von Team-Mitgliedern oder als Kunden-Feedback. Du musst ständig bereit sein, alte Muster zu überdenken und anzupassen. Vorteil Selbständigkeit. (6:4)


Wer also gerne selbst aktiv wird und seinen Fußabdruck hinterlassen will, wem es nicht primär um Sicherheit oder die garantierte Karriere geht, der ist in der Selbständigkeit gut aufgehoben. Ich bereue die Entscheidung jedenfalls nicht und freue mich jeden Tag auf die neuen Herausforderungen die das Start-Up-Leben mit sich bringt.


Alle aktuellen Entwicklungen von VISARIGHT könnt ihr auf LinkedIn und der Unternehmens-Website verfolgen.

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