• Jolanda Rose

"Juristen sollten ein grundlegendes Verständnis von Informatik und Computern haben."

Aktualisiert: 20. Juni 2019

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Clara Morgeneyer ist Coding Bootcamp Lead Teacher und Diplomjuristin. Damit kennt sie beide Seiten der Legal-Tech-Medaille. Im Interview erläutert das Multitalent die Relevanz von Informatik im juristischen Bereich und gibt Tipps für erste Schritte im Programmieren.

Jolanda: Wie würdest du deine Tätigkeit in zwei Sätzen beschreiben?

Clara: Ich bin derzeit Fullstack Web Developer, d.h. ich erstelle Online Produkte wie Apps und Webseiten. Außerdem unterrichte ich in einem Coding Bootcamp, welches kreativen Menschen und Entrepreneurs Programmieren beibringt.

Jolanda: Wie kamst du als Diplomjuristin zum Programmieren?

Clara: Ich habe bei meinem ersten Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Großkanzlei festgestellt, dass mich die praktische juristische Arbeit nicht so sehr interessiert, wie ich es dachte. Als ich mich nach Alternativen umgeschaut habe, bin ich auf Nuri Khadems Kurs “IT für Juristen” an der HU Berlin gestoßen, der einen weitreichenden Überblick über Informatik gegeben hat. Darauf hin habe ich an einigen Coding Workshops teilgenommen. Das Programmieren hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich mich dazu entschlossen habe ein Coding Bootcamp zu absolvieren.

Jolanda: Was hat dich dazu bewegt, deine juristische Laufbahn für eine Developer und Coding Bootcamp Teacher Karriere bei Le Wagon an den Nagel zu hängen?

Clara: Die Zeit im Bootcamp war wahnsinnig intensiv - nach einem halben Jahr in der Großkanzlei, in dem ich das Gefühl hatte, durch meine Arbeit nicht erfüllt zu sein, habe ich beim Programmieren gemerkt, dass ich meine Leidenschaft gefunden habe. Ich mochte logisches Denken schon immer, aber zum ersten Mal konnte ich die direkten Ergebnisse meiner Arbeit sofort sehen und selbst beeinflussen, anstatt nur an einem kurzen Abschnitt in einem Schriftsatz mitzuarbeiten.

Jolanda: Wo siehst du deine Zukunft - weiter im klassischen IT-Bereich oder kannst du dir Vorstellen in Richtung Legal Tech zu gehen?

Clara: Für mich gibt es im Bereiche des Programmierens noch so viel zu entdecken - ich bin ja erst seit 1,5 Jahren dabei. Nichtsdestotrotz will ich auf lange Sicht keine typische Entwicklerkarriere anstreben. Legal Tech bietet sich hier wunderbar an, auch weil ich mein Vorwissen aus dem juristischen Bereich nutzen kann. Ich arbeite mich gerade in Legal Design ein, was ich sehr interessant finde, insbesondere, weil es den Mensch in den Mittelpunkt stellt.

Jolanda: Du hast beide Perspektiven. Wie siehst du vor allem die aktuellen politischen Debatten rund um KI, IT-Dienstleistungen, neue Medien und deren “Kontrolle”?

Clara: Die Frage der Kontrolle oder auch von Regelung von jeglichen Technologien - sei es künstliche Intelligenz oder andere Algorithmen aber auch von neuen Produkten, wie sozialen Netzwerken, finde ich als Juristin natürlich spannend. Ein grundlegendes Problem sehe ich dabei im Tempo, mit denen sich Technologien aber auch Unternehmen entwicklen, mit den die Gesetzgeber oft gar nicht mithalten können. Ich fände es daher interessant, wenn staatliche Stellen vermehrt auf neue Technologien zugreifen würden und diese für sich und ihre Arbeit nutzen. Sei es sich mit modernen Medien auseinanderzusetzen und sich dort (auch einem jüngeren Publikum) zu präsentieren oder Technologien zu benutzen, um die Prozesse zu vereinfachen und so auch zu beschleunigen. Ich fände es zB total fortschrittlich, wenn GitHub oder ein ähnliches Tool für den Gesetzgebungsprozess benutzt würde.

Jolanda: Denkst du Juristen sollten Coden können?

Clara: Ich denke Juristen - eigentlich jedermann - sollten ein grundlegendes Verständnis von Informatik und Computern haben. Wie ist ein PC aufgebaut und wie werden aus 0en und 1en Text, Bilder und Webseiten. Und auch die grundlegende Funktionsweise des Internets sollte gekannt werden. Schon allein aus dem Grund, dass das World Wide Web einen so großen Stellenwert in unserem täglichen Leben einnimmt. Ich glaube nicht, dassjeder Juristen perfekt coden können sollte. Nicht jeder Programmierer kennt sich ja auch unbedingt mit Recht aus. Außerdem gibt es so viele Programmiersprachen, Frameworks und Technologien, dass es ganz vom Interessengebiet abhängt, in welche Richtung man sich orientiert. Die grundlegenden Konzepte im Programmieren zu kennen, kann aber nicht schaden. Ich denke aber allgemein, dass Jurastudierende mehr über den Tellerrand schauen sollten. Recht berührt alle Belange des Lebens, weshalb ich finde, dass man auch diese Gebiete sich mal anschauen sollte und nicht nur das pure Recht in der Bibliothek studieren.

Jolanda: Wie kann man sich Programmier Basics am einfachsten selbst beibringen?

Clara: Das schöne am Programmieren ist, dass es - ganz anders als Jura - sehr einfach zugänglich und meistens open source ist. Das heißt: es gibt unzählige kostenlose Onlinekurse die einen Einblick ins Coden geben. FreeCodeCamp, Codecadamey und Udemy sind nur einige Anbietern, es gibt auch video Kurse und viel mehr.

Jolanda: Für wen ist ein intensiveres Coding-Lernprogramm, wie das Le Wagon Bootcamp geeignet?

Clara: Unser Bootcamp ist für Menschen geeignet, die einen weitgehenderen Einblick ins Coden bekommen wollen. Dabei muss das Ziel aber nicht unbedingt sein, am Ende Entwickler werden zu wollen. Etwa ein Drittel unserer Absolventen arbeiten nach dem Bootcamp in Product Manager Rollen, bei denen ein Verständnis vom Programmieren von großem Vorteil ist. Aber auch für Menschen, die ihre eigenen Ideen entwicklen wollen, ist unser Kurs geeignet, denn nach den neun Wochen, kann man selbst eigene Web Apps erstellen. An unseren Bootcamps nehmen Menschen aus allen Berufsfeldern teil, ich habe schon ehemalige Köche und Balletttänzer, aber auch langjährige Unternehmensberater unterrichtet. Für mich ist das ein Ziechen, dass die Digitalisierung in allen Lebensbereichen voranschreitet. Eigentlich ist es überraschend, dass nur selten Juristen bzw. Jurastudierende in meinen Kursen sind.

Jolanda: Wie ist es für dich als Frau im IT-Bereich? Hast du spezielle Erfahrungen gemacht und unterscheidet es sich zum juristischen Berufsfeld?

Clara: Der Anteil an Frauen im IT-Bereich ist in Deutschland definitiv geringer als im juristischen Bereich. Besonders deutlich wird das bei Meetups, manchmal ist man schon froh, auch nur eine weitere Frau zu treffen. Im Berliner Standort bieten wir deshalb seit ein paar Monaten regelmäßige Wochenendworkshops für Frauen an, die sehr guten Anklang gefunden haben. Generell ist die Berliner Tech-Bubble Frauen gegenüber aber sehr positiv eingestellt, sodass ich persönlich nie schlechte Erfahrungen gemacht habe. Hier in Israel scheint der Anteil an Frauen in der Techszene nicht ganz so gering. Und auch in unserem Kurs hier haben wir zum ersten Mal mehr weibliche Teilnehmer, was mich natürlich sehr freut. Insgesamt stelle ich bei der Beobachtungen meiner Studenten fest, dass Gruppen mit höherem Frauenanteil insgesamt sozialer sind und mehr Kommunikation und gegenseitiges Helfen stattfindet, was sich im Lern Umfeld - wie auch beim technischen Arbeiten - immer positiv auswirkt.

Jolanda: Was würdest du jungen Studierenden raten, die ihren Weg gerade beginnen?

Clara: Jungen Studierenden empfehle ich immer wieder über den Tellerrand zu schauen und sich engagiert mit Themen zu beschäftigen, die sie wirklich interessieren. Sich nicht einfach nur durchs Studium gleiten lassen, angetrieben von Klausurterminen und Abgabefristen für Hausarbeiten. Nie hat man wieder so viel Zeit sich mit vielen verschiedenen Themen auseinanderzusetzen. Das sollte man nutzen. Speziell für deutsche Jurastudierende: das Examen ist nicht alles! Es gibt so viel mehr, das euch ausmacht, und das sollte auch in der Examensvorbereitung nicht vergessen werden. Und zu guter Letzt: Falls ihr Fragen habt, speziell zum Programmieren aber auch generell, schreibt mir gerne auf Twitter @Clara_Morgen oder per Mail an clara.morgeneyer@gmail.com.

 

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