• Jolanda Rose

“Jura ist mein beruflicher Lebenstraum, den ich mir selbst erfüllt habe.”


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Dr. Christina-Maria Leeb ist Woman of Legal Tech 2018 und wurde für ihre Promotion zum Thema “Digitalisierung, Legal Technology und Innovation – Der maßgebliche Rechtsrahmen für und die Anforderungen an den Rechtsanwalt in der Informationstechnologiegesellschaft” gerade mit dem Promotionspreis der Rechtsanwaltskammer München ausgezeichnet. Mit mir sprach die Wissenschaftliche Mitarbeiterin über ihren außergewöhnlichen Weg zum Jurastudium, Digitalisierung im Recht und die Wichtigkeit der Sichtbarkeit von Frauen in der Branche.


Jolanda: Kannst du das, was du tust, in zwei Sätzen zusammenfassen?

Christina: Ich bin Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der HEUSSEN Rechtsanwaltsgesellschaft in München. Dort bin ich in der Praxisgruppe IT, IP und Medienrecht tätig und auch Mitglied des Teams „Digitalisierung und Legal Tech“.


Jolanda: Du hast dein Abi auf dem zweiten Bildungsweg nachgemacht. Wie bist du dann zu Jura gekommen? Das ist ja sicher nicht der typischste Ausbildungsweg.

Christina: Es klingt immer ein bisschen pathetisch, aber Jura ist tatsächlich mein beruflicher Lebenstraum seit ich 13 Jahre alt bin. Ich weiß auch gar nicht, woher das kommt. Ich komme aus einem völligen Nichtakademiker-Haushalt und dieser Wunsch war irgendwie immer da. Ein Studium empfand ich damals als etwas, das nicht im Bereich des Möglichen liegt. Niemand hat das je erwähnt. Deshalb war es auch ganz normal, auf die Realschule zu gehen, weil man eben eine Ausbildung macht.

Wahrscheinlich weil Strafrecht allen juristischen Laien als erstes einfällt, hatte ich mir damals als Ziel auserkoren, Staatsanwältin zu werden. Das hat in meinem Umfeld keiner einordnen können und ich kannte in dem Bereich auch niemanden. Weil mich dieses Thema nicht mehr losgelassen hat und meine Eltern tagtäglich von früh bis spät damit genervt habe, hat in der 8. Klasse meine Mama irgendwann gemeint, sie ruft den Leitenden Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Deggendorf, wo ich gewohnt habe, einfach mal an und sagt “Ich hab hier irgendwie ein Kind zu Hause, das unbedingt zu Ihnen möchte!” Das hat sie auch wirklich gemacht und ist bei ihm gelandet. Völlig verrückt (lacht). Sie hat dann im Zuge des Telefonats ein Schülerpraktikum für mich arrangiert. Da war ich dann drei Wochen lang und es war für mich eine unfassbar tolle Zeit. Natürlich war ich dort in der Serviceeinheit tätig, weil das der logische Weg nach der Realschule ist, dass man mit dieser Schulbildung in die zweite Qualifikationsebene eintritt. Während meiner Zeit in der Staatsanwaltschaft habe ich dann auch meine ersten “Rolemodels” gefunden - Staatsanwältinnen. Die waren für mich absolute Vorbilder. Danach habe ich tagelang alle Schritte recherchiert, mangels heimischen WLANs nachmittags in der Schule im PC-Raum und gespeichert auf Disketten, wie ich doch noch studieren kann. Deswegen ist das alles für mich ein riesiges Geschenk, was ist jetzt machen darf. Es ist mein beruflicher Lebenstraum, den ich mir selber erfüllt habe.

Nach der Realschule habe ich mich auf eine Ausbildung beim Staat beworben - eigentlich nur, um abgelehnt zu werden und - mangels Ausbildungsplatz - endlich den Segen meiner Eltern zu bekommen, auf das Gymnasium gehen zu können. Es gab, soweit ich weiß, 31 Stellen für ca. 8.500 Bewerber. Der notwendige Auswahltest mit Platzziffernvergabe lief

dann aber überraschend gut und ich wurde für die Ausbildung zur Justizfachwirtin genommen. Das war in der Rückschau auch eine tolle Chance, um meinen Wunsch nach einem Jurastudium zu verifizieren. Ich habe keinen Tag dort bereut, es war eine sehr spannende Zeit und ich habe unfassbar viel gelernt. Ich wusste jeden Tag, dass ich genau das machen möchte, nur mehr. Die Justizfachwirt-Ausbildung ist faktisch ein kleines Jurastudium, fokussiert auf die ordentliche Gerichtsbarkeit. Für mich stand danach fest, dass ich Jura studieren möchte und habe deshalb im Anschluss mein Abi auf der Berufsoberschule nachgeholt. Finanzieren konnte ich diese Zeit durch ein Stipendium sowie durch meine selbstständige Tätigkeit als Verfahrensbeiständin am Familiengericht. Ich war sozusagen der Anwalt des Kindes. Die Aufgabe eines Verfahrensbeistands ist es, Minderjährige in familiengerichtlichen Verfahren zu vertreten. Diese Tätigkeit habe ich insgesamt sieben Jahre lang ausgeübt. Das war eine tolle Zeit.


Jolanda: In dieser Zeit warst du also selbstständig tätig. Seitdem bist du während des Studiums und auch jetzt immer in Angestelltenverhältnissen gewesen. Was sind für dich die Vorteile der Selbstständigkeit? Kannst du dir das auch wieder vorstellen?

Christina: Beides hat seinen Reiz. Was für mich das Ideale ist, ist ein Angestelltenverhältnis, welches ein weitgehend selbstständiges Arbeiten ermöglicht. Das lebe ich ehrlich gesagt gerade schon ansatzweise. Ich habe das große Glück, dass bei mir in der Kanzlei gesehen wurde und wird, dass ich in den Themen Digitalisierung und Legal Tech durch die Doktorarbeit und aufgrund meiner Digitalaffinität auch schon hilfreiche Kenntnisse und Fähigkeiten habe. Deswegen darf ich sogar jetzt schon Aufgaben wahrnehmen, die über bloße juristische Rechercheaufträge hinausgehen, etwa mit Blick auf die digitale Geschäftsentwicklung unserer Kanzlei. Dadurch darf ich in gewisser Weise schon jetzt das Beste aus beiden Welten leben.

Während meines Studiums war ich zwar selbstständig, hatte aber kein Insolvenzrisiko zu tragen. Dazu muss man wissen, dass ein Verfahrensbeistand einen direkten Vergütungsanspruch gegen den Staat hat, d.h. ich hatte immer einen solventen Schuldner und brauchte keine Vollstreckungsabteilung, was natürlich bei einer „echten“ Selbstständigkeit oder Gründung anders ist. Da muss man immer schauen, wie man an sein Geld kommt. Dieses Risiko hat man im Angestelltenverhältnis natürlich nicht.

Unterschiede gibt es vor allem in der Arbeitsweise und -organisation. Zuvor war ich als „One-Woman-Show“ ja immer auf mich alleine gestellt. In der Kanzlei genieße ich es jetzt total, dass ich in einem Team bin. Dort lernt man aus und von vielen verschiedenen Expertisen und Arbeitsweisen und findet Sparringspartner und Mentoren.


Jolanda: Wie bist du zu dem Bereich IT-Recht gekommen?

Christina: Ich komme, wie gesagt, ursprünglich aus einem ganz anderen Bereich - nämlich dem Bereich der freiwilligen Gerichtsbarkeit. Im zweiten Semester habe ich mich für eine Stelle als Wissenschaftliche Hilfskraft an einem medienrechtlichen Lehrstuhl interessiert. Das war meine erste Berührung überhaupt mit diesem Fachbereich und ich wollte es mir einfach einmal anschauen. Ich durfte dann dort anfangen und es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Der Inhaber des Lehrstuhls ist dann aber nach Mannheim gegangen und ich bin zu meinem jetzigen Doktorvater gekommen. Prof. Heckmann macht ganz viel IT- und

Datenschutzrecht. Und dann habe ich auch den Schwerpunkt Informations- und Kommunikationsrecht gewählt.


Jolanda: Wie kamst du von da dann zum Legal Tech?

Christina: Meine Doktorarbeit habe ich 2016 angefangen und deshalb beschäftige ich mich seither auch damit. Wenn man sich die Entwicklung in Deutschland anschaut, damit also auch relativ von Beginn des Hypes an. Ich hatte erst eigentlich ein anderes Dissertationsthema vor Augen und hatte aber zeitlich parallel durch meine Nebentätigkeit in der Kanzlei Rechercheaufträge mit Bezug zu Legal Tech. Ich habe zunächst gar nicht wahrgenommen, dass ich die beiden Bereiche, Praxis und Wissenschaft, verbinden könnte, fand aber beides spannend. Irgendwann habe ich mir gedacht, warum zählst du nicht eins und eins zusammen - da ist gerade Bewegung drin, warum gehst du nicht da rein? Ich habe mich dann auf das anwaltliche Berufsrecht fokussiert. Mein Doktorvater war gleich Feuer und Flamme. Er hat mich bestärkt und sofort erkannt, dass es das Thema wird. So kam ich 2016 dazu und beschäftige mich seither sehr intensiv mit dem Thema.


Jolanda: Was hast du seitdem für eine Veränderung auf dem Rechtsmarkt in Deutschland beobachtet? Denkst du da tut sich schon was? Oder ist das noch eine Nische?

Christina: In Deutschland sehe ich, was die Branche insgesamt betrifft, noch ganz unterschiedliche Stände und Ansätze. Der Markt konsolidiert sich aber langsam. Was die Konferenzen und Veranstaltungen angeht, das hast du ja sicherlich auch mitbekommen, gab es einen großen Ansturm auf das Thema, der vielleicht auch schon wieder abflacht. Der Rechtsmarkt als solches hat sich natürlich geöffnet durch die neuen, auch nichtanwaltlichen Dienstleister. Vor allem bei den Kanzleien ist die Situation ganz unterschiedlich - das kann man auch gar nicht immer an der Kanzleigröße messen. Das man sagt die Großen sind immer super aufgestellt und ganz nah dran an den neusten Entwicklungen und bei den Einzelanwälten ist es anders herum, das kann man so nicht sagen. Das habe ich ganz unterschiedlich erlebt.


Jolanda: Was denkst du, wie sich das in Zukunft entwickelt? Denkst du, wir kommen in den nächsten Jahren auf ein englisches oder amerikanisches Niveau? In letzter Zeit gab es ja schon immer wieder Gerichtsurteile, die der Entwicklung eher einen Dämpfer verpasst haben, indem bestätigt wurde, dass immer ein Anwalt hinter einer Rechtsdienstleistung stehen muss. Da du Expertin für anwaltliches Berufsrecht bist, hast du dich sicher auch schon intensiver damit auseinandergesetzt?

Christina: Absolut. Auf ein amerikanisches Niveau kommen wir nicht so schnell. Wir sind davon noch sehr weit entfernt. Was jetzt das nationale Rechtsdienstleistungsrecht angeht, da ist, wie du völlig zu Recht sagst, Bewegung drin - aber in beide Richtungen. Gerade wurde ein Gesetzesentwurf der FDP-Fraktion in Bezug auf eine Ergänzung der sog. Inkasso-Befugnis im RDG vorgelegt. Dieser Vorschlag ist seitens der Bundesrechtsanwaltskammer allerdings nicht auf Gegenliebe gestoßen. Deswegen kann es natürlich sein, dass die rechtspolitische Entwicklung da jetzt stockt.


Jolanda: Du bist promovierte Diplomjuristin und daher in einer Übergangsphase von Studium zu Berufsleben. Wie hast dich dein Studium auf deine Tätigkeit im IT-Recht vorbereitet? Die Ausbildung steht ja seitens der Digitalisierungs-Verfechter oft in der Kritik.

Wie würdest du sie bewerten?

Christina: Die Kritik ist schon durchaus ernst zu nehmen. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, alles ist fein. Gerade die unterschiedliche Ausgestaltung der Schwerpunkte ist halt ein Thema. Am Schwerpunktstudium als solches sollte meiner Meinung nach aber unbedingt festgehalten werden. Mich hat mein Schwerpunkt fachlich wirklich super auf die praktische Tätigkeit vorbereitet. Als Studentin gab es mir ein tolles Gefühl, in einem spezialisierten Bereich zumindest ansatzweise auf Augenhöhe mit den Praktikern und Professoren mitreden zu können. Für mich war das Schwerpunktstudium mit die schönste Zeit im Studium. Es ist schade, dass nicht alle Unis solche Schwerpunkte im Bereich IT oder Digitalisierung anbieten.

Übergreifend betrachtet, muss man sich aber fragen, ob der Schwerpunkt alleine ausreicht und da würde ich definitiv sagen Nein. Eben angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die uns beiden bewusst sind, wird es nicht ausreichen, nur den Schwerpunkt zu haben. Aber er ist immerhin ein guter Anfang und das war er auch für mich.


Jolanda: Welche Angebote sind deiner Meinung nach für die Studierenden nötig, um sie angemessen auf die sich verändernde Gesellschaft und die damit einhergehenden Veränderungen auf dem Rechtsmarkt vorzubereiten?

Christina: Das ist ein wichtiger Punkt. Die Thematik muss man auf diversen Ebenen angehen. Die Digitalisierung betrifft jeden und verändert unseren (Berufs-)Alltag tiefgreifend. Diese Aspekte müssen idealweise als Schnittstellen in jedes Fach einfließen. Das bedeutet aber letztlich mehr Stoff, man müsste also woanders etwas streichen. Wir werden außerdem zukünftig fachübergreifende Kompetenzen brauchen, die wir übrigens jetzt schon benötigen, wie z.B. im Projektmanagement oder gewisse Grundkenntnisse im IT-Bereich. Es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten, solche Veranstaltungen in das Studium zu integrieren. Man könnte überall einen entsprechenden Schwerpunkt einführen. Dann wäre die Beschäftigung mit diesen Themen allerdings freiwillig. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, hierbei im Schlüsselqualifikationsbereich anzusetzen. Solche Veranstaltungen sind in manchen Bundesländern verpflichtend und in anderen nicht. Auch da müsste mal eine Konsolidierung her. Bei dem „Wie“ gibt es also verschiedene Ansatzpunkte und manche Länder wie z.B. Baden-Württemberg gehen da schon mit gutem Beispiel voran.


Jolanda: Was würdest du Studierenden in der aktuellen Situation raten, die Interesse haben - oder würdest du allen Studierenden raten, sich damit zu befassen?

Christina: Idealerweise alle! Aber was genau tun? Es gibt ja manche, die sagen "Setzt euch in BWL-Vorlesungen, lernt programmieren" usw. Das finde ich in der Theorie mega, aber ich habe es in der Praxis gemerkt, dass das gar nicht so einfach ist. Ich habe mir das Studium selbst finanziert. In dieser Situation ist zwar natürlich nicht jeder, aber ich kenne viele, die nebenher arbeiten. Und das zusätzlich zu dem so umfangreichen Stoff, von dem wir beide ein Lied singen können. Das ist einfach eine wahnsinnige Masse an Wissen, die zumindest ansatzweise irgendwie in deinen Kopf soll. Deswegen sind solche Ratschläge in der (Studien-)Praxis aus meiner Sicht leider sehr schwer umsetzbar, wenn ich nicht das Studium vernachlässigen will. Die gute Nachricht für Studierende ist aber die, dass alle Aktivitäten, die schon ein bisschen über den Tellerrand hinausgehen, sehr sehr positiv sind.


Jolanda: Also lohnt es sich im Zweifel auch mal eine Stunde in BWL oder IT zu investieren und eine Stunde Strafrecht AT weniger zu wiederholen?

Christina: Das ist letztlich eine Frage der persönlichen Risikoabwägung. Man muss halt versuchen, eine gute Mischung zu finden. Wenn ich Interesse habe, kann ich z.B. Ringvorlesungen zu Legal Tech besuchen. Die finden meistens zu Zeiten statt, in denen viele eh nicht produktiv arbeiten können, z.B. spätabends. Oder man hört sich entsprechende Podcasts an. Auch auf YouTube wird man fündig. Wenn man so etwas macht, ist man im Zweifel sogar produktiver. Ich war immer sehr produktiv, wenn ich ein wenig Zeitdruck hatte. Effektivität durch Zeitverknappung war und ist mein Prinzip!


Jolanda: Wenn man jetzt aber sagt, man hat nicht nur ein vages erstes Interesse, sondern möchte später in Richtung IT-Recht bzw. Legal Tech gehen, was empfiehlst du dann?

Christina: Zu mir kommen, sofort. Einfach melden unter info@christina-maria-leeb.de (lacht). Im Ernst: Ich gebe immer gerne Tipps und habe inzwischen ja auch ein ganz gutes Netzwerk.


Jolanda: Dann habe alle ja jetzt schon mal eine wichtige Email-Adresse. Denkst du, da gibt es einen besonders guten Weg, wie z.B. an den Lehrstuhl zu gehen, oder in eine IT-rechtlich versierte Kanzlei, oder ein Unternehmen? In dem Bereich gibt es da ja auch genug Möglichkeiten. Denkst du, es ist egal, wo man anfängt, Hauptsache man macht was, oder gibt es deiner Meinung nach im Studium etwas, wo man besonders viel mitnimmt?

Christina: Spannend. Das hat mich noch niemand so direkt gefragt. Man kann natürlich an einem Lehrstuhl mit Digitalisierungsthemen in Berührung kommen und lernt dabei das wissenschaftliche Arbeiten kennen, das dann in eine Dissertation münden kann. So war es bei mir. Die Frage ist aber vor allem, was man selbst am spannendsten findet. Ich bin auch ein Fan davon, im Rahmen der Pflichtpraktika schon zu schauen, ob ich mein Berufsfeld schon ein bisschen abstecken kann. Um zu verifizieren, was mein Ziel ist - oder auch zu falsifizieren. Das sind wahnsinnig wichtige Erkenntnisse. Kanzleipraktika können auch der erste, unverbindliche Schritt in eine studentische Nebentätigkeit sein. Ich kann also gar nicht sagen, was der Masterplan ist. Wertvolle Erfahrungen kann man an allen genannten Stationen sammeln.


Jolanda: Jetzt nochmal ein Blick in die Zukunft. Wie motivierst du dich für das Referendariat? Kannst du verstehen, warum es immer weniger Volljuristen gibt?

Christina: Ich benötige die Anwaltszulassung, um als Rechtsanwältin beraten zu können. Dafür brauche ich beide Staatexamina. Gefragt nach meiner Motivation - ich merke schon, dass mir prozessuale Kenntnisse noch fehlen. Ich freue mich darauf, die zu erlangen. Neben Justiz und Anwaltschaft gibt es auch noch die beiden großen Bereiche Verwaltung und Unternehmen, die ich bislang noch gar nicht kenne. Das Referendariat ermöglicht es mir, das zu ändern. Ich bin also gespannt, alle Stationen mal zu sehen. Aber natürlich kann ich es völlig nachvollziehen, dass angesichts der total spannenden und breit gefächerten Möglichkeiten, die man jetzt schon als Diplomjurist hat, viele sagen, “Das brauche ich für mich nicht”. Es sind ja auch zwei Jahre harte Arbeit, aber ich hoffe, auch spannende Erkenntnisse. Mit dem Ausblick motiviere ich mich.


Jolanda: Was würdest du Studierenden ergänzend und unabhängig von Legal Tech für ihr

Studium raten?

Christina: Wichtig ist mir vor allem das Thema Sichtbarkeit und Netzwerken. Da bist du ja auch mit deinem Blog eine Vorreiterin, was ich absolut toll finde. Sich am besten schon während des Studiums sichtbar zu machen, das würde ich den Studierenden raten. Sich z.B. einmal Zeit nehmen und ein ansprechendes LinkedIn-Profil anlegen und gerne auch einen Twitter-Account. Das hätte ich persönlich auch schon viel früher machen können. Zwar hatte ich auch schon während meines Studiums erst ein Xing- und später dann auch ein LinkedIn-Profil, aber bin dort erst nach meinem ersten Staatsexamen wirklich aktiv geworden. Es lohnt sich, schon früh ein berufliches Netzwerk über Online-Netzwerke sowie auch “face to face” aufzubauen. Dazu einfach auch mal eine Konferenz wahrnehmen, wenn z.B. eine an der eigenen Uni stattfindet und das Netzwerken üben. Das würde ich auf jeden Fall allen raten, die Lust dazu haben.


Jolanda: Das Thema Sichtbarkeit ist eine gute Überleitung zu meiner nächsten Frage. Aktuell wird ja viel zur Förderung der Frauen getan, auch im Legal Tech-Bereich - mit Auszeichnungen, Netzwerk-Events und Mentoring-Programmen. Du bist ja auch letztes Jahr Woman of Legal Tech geworden. Dazu nochmal herzlichen Glückwunsch. Wie siehst du das Thema Sichtbarkeit von Frauen in der Tech-Branche? Du trittst in einer Zeit ins Berufsleben ein, wo das Thema gerade sehr im Fokus steht. Siehst du trotzdem noch viel Handlungsbedarf? Im Legal-Tech-Bereich gibt es viele herausragende Gründerinnen, Wissenschaftlerinnen, wie dich, Designerinnen und Anwältinnen und trotzdem sind diese oft nicht auf den Podien der Konferenzen zu finden. Denkst du da sollte noch mehr getan werden, oder reicht die aktuelle Entwicklung aus?

Christina: Die aktuelle Bewegung ist natürlich toll. Die hilft uns und bringt uns voran - und das nicht nur Frauen. Es ist ganz klar erwiesen, dass diverse Teams in jeder Hinsicht besser und erfolgreicher sind. Das ist Fakt. Diversität umfasst natürlich nicht nur das Gender-Thema, aber es ist eines dieser wichtigen Themen. Du hast auch mit deinem Punkt völlig Recht. Wenn man sich die Zahlen anschaut, merkt man, dass es immer noch viel zu wenig Frauen sind, die z.B. auf Konferenzen ihre - vorhandene - Expertise zeigen. Da passiert aber gerade viel und das ist auch gut so. Als Frau muss man aber natürlich auch Chancen und Angebote nutzen und sich einfach mal trauen.

Ich empfand es als wahnsinnige Ehre, letztes Jahr bei den 26 Women of Legal Tech dabei sein zu dürfen. Das war ein großes Geschenk, weil das viel Sichtbarkeit mit sich gebracht hat. Aber es gibt da draußen so viele, die noch nicht die Sichtbarkeit haben, die sie verdienen. Deswegen sehe ich die Auszeichnung auch als Aufgabe an, selbst junge Talente, weiblich wie männlich, zu fördern. Wir Frauen können alle etwas tun, uns sichtbar machen und uns gegenseitig voranbringen. Dann hoffe ich, dass sich das später auch in der Führungsebene auswirkt und mehr Frauen dort vertreten sind.


Jolanda: Wenn du die Führungsebene ansprichst, muss ich natürlich noch zu einem Thema kommen, dass mir vor allem von jungen Frauen sehr unterschiedlich beantwortet wird. Wie stehst du in dem Zusammenhang zur Frauenquote?

Christina: Sie ist zurecht umstritten, weil es ganz viele gute Argumente dafür und dagegen gibt. Das Hauptargument ist aus meiner Sicht, dass es für die betroffene Frau immer einen Beigeschmack hat, wenn sie auf eine Quote hin eingestellt wird. Man muss sich danach

fünffach beweisen, nicht nur doppelt, wenn man so als Frau auf einen Posten kommt. Allerdings glaube ich, dass es ansonsten, platt gesagt, nichts wird. Es bleibt bei Absichtserklärungen. Es ist ja auch erwiesen, dass man immer “Mini-Me‘s” einstellt. Die Person, die einem sympathisch ist und einem gleich ist, bekommt den Job. Deshalb wird es den Anstupser von außen brauchen, auch wenn die ersten Frauen, die davon betroffen sind, einen harten Job haben werden.


Jolanda: Du bist ja selbst neben dem Studium und auch danach neben der Promotion am Lehrstuhl tätig gewesen und hast auch schon Erfahrung in der Lehre. Gerade da gibt es ja ganz wenige Frauen. Juristische Professorinnen sind wirklich die Ausnahme in Deutschland. Was hast du da für Erfahrungen gemacht? Du selbst wurdest ja von deinem Doktorvater von Anfang an gefördert. Oder glaubst du, dass die Schwierigkeiten und Unterschiede im Karriereverlauf erst mit der Familienplanung beginnen?

Christina: Bisher habe ich noch keine Probleme festgestellt. Ich muss ganz ehrlich sagen, was meine bisherige Karriere in der Wissenschaft anbelangt, dass ich niemals auch nur im Ansatz etwas Negatives erfahren habe wegen meines Geschlechts. Auch am Lehrstuhl gab es immer viele Frauen bei uns. Es war immer mindestens 50/50 - und das in IT.


Jolanda: Das sagen ja auch die Zahlen. Das Verhältnis von Doktorandinnen zu Doktoranden ist öfter noch 50/50, aber das in den Ebenen darüber fast nur noch Männer die entsprechenden Positionen innehaben.

Christina: Das ist leider noch so und ich habe da bedauerlicherweise auch keinen Masterplan. Aber ich habe wirklich die Hoffnung, das sich das im Laufe der Zeit ändern wird.


Jolanda: Ich hoffe auch. Vielen Dank für das Interview!

Christina: Sehr gerne. Es hat mir viel Spaß gemacht!


Wer bei Christina auf dem Laufenden bleiben möchte, schaut am besten regelmäßig auf ihrer Webseite vorbei, oder folgt ihr auf Linked, Instagram und Twitter. Ihre Dissertation wurde erst kürzlich veröffentlicht. Ein Leseprobe kann man auf der Verlagsseite lesen.

 

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